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Sternstunden für Rechenkünstler
29.11.2017
Veranstaltungsreihe im Schulschiff-Deutschland-Jubiläumsjahr beschäftigte sich mit dem Thema „Astronomische Navigation“

Dein Sextant, das unbekannte Wesen? Schulschiff-Wachgänger Wilhelm Kuhlmann, Claus Jäger (sen a.D.), Vorsitzender des Deutschen Schulschiffvereins, Organisatorin Cynthia Nieland und Panetariumsleiter Andreas Vogel (v.l.) wollen es genau wissen. (Foto: Kölling)

Meerwissen“ schaut mit dem Sextanten Richtung Himmel: Die Veranstaltungsreihe im Schulschiff-Deutschland-Jubiläumsjahr hatte sich mit dem Thema „Astronomische Navigation“ einiges vorgenommen. „Aber hier auf dem Schiff wird einem natürlich spätestens im Kartenhaus sofort klar: 1927 gab es noch kein GPS. Und so musste man mit diesen Hilfsmitteln über die Meere kommen,“ so Claus Jäger vom Deutschen Schulschiffsverein vor vierzig Zuhörern in der Messe des Dreimasters.

Andreas Vogel hat seinen Sextanten mitgebracht und muss dessen Funktionsweise an diesem Abend gleich mehrfach demonstrieren. Da sind doch einige trotz schwerer Sturmböen am Nachmittag auf die „Schulschiff Deutschland“ gekommen, um für eigene Reisen über die offene See etwas zu lernen. Der Leiter des Bremer Olbers-Planetariums unterrichtet „Astronomische Navigation“ auch vor den Drittsemestern an der Bremer Hochschule im Fachbereich Nautik. Dann kommt er auf 36 Vorlesungsstunden. Und seine Schützlinge schaffen in der Regel auch die anschließende Prüfung, wenn sie ordentlich mit den Tutoren geübt haben, verrät Vogel: „Wenn wir uns an unsere Führerscheine erinnern: Da schwirrte uns allen doch vor der theoretischen Prüfung der Kopf. Aber wenn sie erst einmal fahren, beherrschen Sie dieses Wissen wie im Schlaf.“ Das sei bei der Umsetzung der Astronomischen Navigation in den Bordalltag nicht anders.

Soviel Trost muss sein, denn nach zwei Vortragsstunden ist mancher Besucher im Saal doch einigermaßen verwirrt, trotz der guten Unterhaltung, die Andreas Vogel auch bietet: Denn zunächst einmal schlägt er den Bremer Bogen von der Zeit, als sogar Vegesack noch eine eigene Navigationsschule hatte, bis hin zum Luft- und Raumfahrtstandort Bremen, wie er sich heute darstellt. Vogel: „Dabei hat uns die Navigation nach den Sternen in Wirklichkeit niemals verlassen. Denn das GPS funktioniert nur auf der Erde. Nähert man sich dem Weltraum, dann muss nach den Sternen navigiert werden.“

Dann geht es weiter in die Antike, in der die Erde schon mit einen Plannetz überspannt worden ist und jeder Grieche wusste, dass die Erde eine Kugel ist. Vogel: „Erst später kam heraus, dass die Erde eine Ellipse ist und auch nicht ganz gleichmäßig rotiert. Aber all das kann man heute berechnen und in Listen und Tabellen festhalten, die einem beim Rechnen helfen.“ Da kommt es zum ersten Mal, das böse Wort: Rechnen.

Ohne mathematisches Grundverständnis geht bald gar nichts mehr an diesem Abend. Vogel erklärt die verhältnismäßig einfache Breitengradbestimmung. Weil man die Sternhöhe am Himmel kannte, ließ sich das aus dem gemessenen Winkel berechnen. Vogel erzählt von dem momentan so praktisch im Norden stehenden Polarstern mit seinen 53 Grad über der Kimm: „Tatsächlich lag das echte Problem in der Längengradbestimmung. Die englische Flotte musste 1707 erst vier von 21 Schiffen auf einem Riff und über eintausend Mann verlieren, um dem ein Ende zu setzen.“ Man hatte sich schlicht um sechzig Seemeilen bei der Positionsbestimmung vertan.

Mit dem „Longitude Act“ seien noch im gleichen Jahr 20 000 Pfund ausgesetzt worden für die Entwicklung von Verfahren zu einer verlässlichen Längengradbestimmung. Der Autodidakt und Uhrmacher John Harrison sollte das Problem schließlich mit einem Zeitmesser aus der Welt schaffen, den er in über fünfzig Jahren entwickelt hatte. Vogel beamt die Formeln an die Wand, mit denen aus der korrekten London-Greenwich-Zeit und zahlreichen Korrektureinrechnungen schließlich die Position ermittelbar ist. Er nickt: Die Navigatoren früherer Tage waren in erster Linie Mathematiker mit der Spezialfähigkeit, auch auf schwankenden Schiffsplanken denken zu können. Vogel: „Aber kam dann so ein segelnder Mathematiker nach drei Stunden Positionsbestimmung wieder an Deck, wusste man eben auch nur, wo man drei Stunden vorher gewesen war.“

 

Immerhin ließ sich in dieser Zeit dann aber auch die Landmasse endlich präzise berechnen. Dabei stellte sich heraus, dass die Kartenmaler es immer sehr gut mit ihren jeweiligen Landesherren gemeint hatten. Andreas Vogel: „Der französische König Ludwig XIV hat mal geklagt: Meine Astronomen haben mich mehr Land gekostet als meine Feinde.“ Wieder bemüht der Planetariumsleiter Pythagoras und so einige Spezialitäten, auf die man bei der Positionsbestimmung unbedingt zu achten hat: „Als ich auf dem Forschungsschiff Maria S. Merian mitgefahren bin, habe ich nach Jahren mal wieder selbst mit dem Sextanten gearbeitet.“ Die Kontrolle mit dem GPS zeigte ihm aber schließlich einen ganz anderen Ort. Vogel: „Ich stand 16 Meter hoch auf einem Schiff und hatte vergessen, das mit einzurechnen.“ Danach war er bei einem Fehlerbereich von fünf Seemeilen. Vogel: „Geübte Navigatoren schaffen es, mit dem Sextanten auf ein bis zwei Seemeilen genau zu navigieren.“

Es gehe darum in der Nacht die Höhe dreier bekannter Sterne zu ermitteln oder tagsüber in einem bestimmten Rhythmus den Stand der Sonne. Vogel berichtet von der Entdeckung des Thomas Hubbard Sumner, der mit einem angenommenen Ort und den Standlinien der geschossenen Sterne auf der Karte zum ersten Mal ziemlich genau eine Position ermitteln konnte: „Es bildet sich im Optimalfall beim Aufzeichnen dieser Linien in die Karte ein ziemlich kleines Dreieck. In diesem Feld befindet sich das Schiff. Eigentlich ganz einfach.“ Zu den komplizierten Rechenwegen tröstet Andreas Vogel immer mit vorgegebenen Tabellen und Karten und sogar Rechnerprogrammen.

Aber ist die Terrestische Navigation nicht letztlich doch nur noch Liebhaberei und allenfalls Grundlagenwissen? Andreas Vogel ist sich da nicht so sicher: „Früher galt die Ausrüstungsverordnung, nach der ein Seeschiff unter Deutscher Flagge zwei Sextanten an Bord zu haben hatte. Ich kann mir vorstellen, dass das wieder kommt, weil man heute auch die Schwächen des GPS klarer sieht, die auch mit dem europäischen Satellitensystem Galileo nicht ausgeglichen werden können.“ Vogel erzählt von Sonnenstürmen, die das GPS stören. Dann sind da die Besitzer, die US-Militärs, die ihr System im ersten Golfkrieg auch schon einmal selbst regional lahmgelegt haben. Letztlich sei es auch einfach, ein GPS-Signal von Land aus umzuleiten und so Schiffe etwa am Horn von Afrika in die Falle zu locken. Theoretisch sei es heute möglich, ein Schiff von Bremerhaven nach New York zu fahren „ohne aus dem Fenster zu schauen.“ Andreas Vogel aber empfiehlt den Blick zu den Sternen  - um immer zu wissen, wo man wirklich steht. (Volker Kölling)

 

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