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Schön, schnell, käuflich
02.12.2017
Die „Oceana“ ist mit ihren 80 Jahren die Allzweckwaffe der Reederei „Hal Över“

Schlank und rank: Die „Oceana“ hat sich gut gehalten trotz ihres hohen Alters und jahrelanger harter Arbeit. (Fotos: Kölling)

Sie ist mit ihren 80 Jahren immer noch die Schönste auf dem Fluss.  Und dazu zieht sie mit einer breiten Bugwelle auch noch täglich an allen anderen Schiffen vorbei: Vom Martinianleger jagt sie mit fast dreißig Sachen über Vegesack nach Bremerhaven und zurück. Und jede Generation von Bremern liebt die „Oceana“ – die jungen Hippen wegen der „Deca-Dance“-Cruiselines, die älteren mindestens wegen der Kohl- und Pinkelfahrten. Und jeder Törn ist anders.

Der Nieselregen an der Signalstation in Vegesack schreckt die Damenrunde nicht, wohl aber der kräftige Rumms. Der vibriert durch den Ponton, als die Breitseite des 55 Meter langen Fahrgastschiffes das Manöver„alles klar zum Entern“ einleitet. „Das ist ein Schwimmponton, meine Damen. Sie sind jetzt auf dem Wasser. Aber lassen Sie kurz noch ein paar andere Gäste aussteigen“, beruhigt Steuermann Jens Parnack die Gruppe, während Matrose Daouda Tidjani die armdicke Leine in Buchten gekonnt auf dem Poller vertörnt als wäre es federleichte Häkelwolle. Um 8.30 Uhr ist die „Oceana“ an diesem Donnerstag in der Innenstadt gestartet, genau eine Stunde später ist sie in Vegesack, planbarer als jede Autofahrt auf der A 27 um diese Zeit.

An ihrem Geburtsort fährt sie im Moment  außer freitags und montags jeden Morgen nach Fahrplan vorbei: Die Werft-Baunummer 322 ist  eine der wenigen sichtbaren Erinnerungen an die Atlas-Werke gleich gegenüber am anderen Ufer von Rablinghausen und Woltmershausen. Im Herbst 1937 lief sie dort als neues Flaggschiff der Schreiber-Reederei vom Stapel, um endgültig allen Konkurrenten der anderen weißen Flotten auf der Weser das Heckwasser zu zeigen. 1500 Passagiere durften damals auf das Schiff. Und mit fast 15 Knoten Fahrt ging es rasant sogar bis auf die offene Nordsee zum Leuchtturm Roter Sand und als Versorgungsschiff nach Helgoland. Damals grassierte auf dem Schiff noch die Seekrankheit. Auf dem Fluss kitzeln die Wellen der Weser nicht einmal ihren genieteten Rumpf. Sie bügelt sie geradezu klein.

„Wenn wir als Kinder am Weserstrand spielten, freuten wir uns immer, wenn wir die ‚Oceana‘ sahen. Wir wussten: Jetzt geht es ab ins Wasser. Gleich kommen die Wellen,“ erinnert sich Dieter Stratmann als heutiger Reeder des Schiffes über seinen ersten Kontakt  zu dem Flussflitzer mit den flachen Aufbauten. Nach 75 Jahren Schreiber-Reederei hatte er mit Hal Över 2002 die Reederei an der Schlachte und damit auch die „Oceana“ übernommen. Eine Million Mark wurden umgehend in die Aufhübschung des Flaggschiffs investiert. Warum Sie den 80. Geburtstag des Schiffes jetzt im Herbst noch nicht so richtig feiern wollen, erklärt Stratmann mit der nächsten Bremensie: „Nach dem Stapellauf fehlten noch wichtige Maschinen, so dass die Oceana eigentlich erst 1938 richtig in Fahrt ging. Wir können uns also noch etwas auf die große Party zum Achtzigsten im kommenden Jahr vorbereiten.“

Kapitän Kai-Uwe Dröge-Buscher ist heute nicht so richtig nach Party zumute: Graue Wolken, warmer Regen, keiner steht vor seinem Steuerhaus draußen: „Ich unterhalte die Leute mit Geschichten vom Fluss und erkläre ihnen, was sie da eigentlich vor der Nase haben. Das macht aber mehr Spaß, wenn man die Reaktionen der Gäste gleich sieht und das auch wieder aufnehmen kann.“ Beim Anblick der dunklen Superyacht mit dem Projektnamen „Thunder“ auf der Bremer Seite der Lürssen-Werft vergessen einige der Gäste im Salon kurzzeitig ihr Frühstück. Ein gläsernes Atrium voller Fahrstühle auf einem Schiff? Das mögen nicht alle. Die Story von der Fähre „Juliusplate“ die sich nach einer Kollision gerade etwas weiter auf der Fassmer-Werft die Landeklappen richten lässt, zieht ebenfalls in den Bann. Die vielen kleinen Kreuzfahrtschiff-Rettungsboote aus der Fassmer-Produktion ziehen schon nicht mehr so. Auch das Flusskreuzfahrtschiff „Exzellence Coral“ bespricht der Kapitän ausführlich. Der ehemalige Binnenschiffer kennt die Kollegen auf der Weser.

Kai-Uwe Dröge Buscher holt sich seine Infos aber auch vom großen Bildschirm in seinem Fahrstand. Auf dem ist die Karte der Weser zu sehen. Und jedes Schiff verrät mit einer eigenen Kennung, wer es ist und wohin es will. „AIS“ heißt das System. Alle paar Flussmeter kann man spannende Dinge sehen. Am U-Boot-Bunker „Valentin“ klicken wieder die Handy-Kameras. Der Kapitän überlässt für seine eigene Frühstückspause seinem Decksmann Daouda Tidjani das Ruder und gibt ihm den Kurs vor. Der freut sich sichtlich trotz des Schietwetters auf seinen Job hinter dem Scheibenwischer.

Ein Deck tiefer haben es sich die Damen vor inzwischen beschlagenen Scheiben beim Kartenspielen gemütlich gemacht: „Gerade 46 Fahrgäste, das ist ja nichts,“ brummt der Kapitän und erzählt von den Sonnentagen davor, als es locker drei- bis viermal soviel waren. Für 700 Passagiere hat die „Oceana“ heute Rettungswesten und Platz satt: Ganz vorne im rustikal gestalteten Bugsalon lehnen heute die Fahrräder an der Bordwand. Ein Deck darüber steht Dirk Richter vom Service-Team des Schiffes um elf Uhr schon am Zapfhahn. „Alle lassen sich ja fahren,“ lacht er. Kein Bier vor vier gilt auf dem Wasser irgendwie nicht als Faustregel, verrät er mit einem Augenzwinkern in die Runde. Besser als Bier geht heute aber Kaffee. Das Speisenangebot ist begrenzt. Früher in den Nachkriegsjahren konnte man hier sogar ganze „Gedecke“ mit Vorsuppe, Schweinebraten, Kartoffeln, Gemüse und Nachtisch für 3,50 Mark bekommen. Heute gibt Richter nur noch Bockwürste und Brezeln aus: „Da hat sich bei den Leute im Konsumverhalten etwas verändert. Wir haben es eine Weile auch mal mit Fischbrötchen versucht, aber die wollte keiner.“

Heute ist auf dem Wasser für die Crew Zeit zum großen Aufräumen mit Blick auf eine große Party am Wochenende. Richter klettert in den Bauch des Schiffes und hantiert mit Fässern und Kisten. Vorkühlung, Fasslager, Kühlschränke. Hier unten sieht es exakt so aus wie im Getränkekeller einer Großgastronomie, die das Schiff ja auch ist.

Dirk Richter: „Am Wochenende sind wir dann nicht mit fünf Mann, sondern mit zwölf auf dem Schiff. Und neun Leute stehen nur am Tresen und bedienen  – und einer sammelt nur Flaschen und Becher ein.“

Plötzlich ist das Rumoren aus dem Schiff. Die beiden Antriebswellen stehen kurz still, nur die Ruderanlage ruckt in ihrer Hydraulik. Jens Parnack ist mit dem grünen Riesentampen gerade wieder auf dem Sprung. In Brake steigen mal wieder ein paar Fahrgäste zu. An den Haltestellen Pier 2/Waterfront, Mittelsbüren, Blumenthal und Farge musste das Schiff heute nicht einmal anlegen. Der Regen. Bremerhaven und drei Stunden Landgang in den Havenwelten. Einige sind schon eine Viertelstunde vor Abfahrt um 15.15 Uhr wieder an Bord und bestellen erst einmal Kaffee und Kuchen. Der Himmel klart auf, und sofort besetzt der Betriebsausflug des Polizeireviers Schiffdorf das vordere Aussichtsdeck. Wolf-Dieter Porthaus ist ganz perplex über die Aussicht ein paar Meilen hinter Dedesdorf: „Diese Natur hier an der Weser ahnst du ja gar nicht, wenn du auf der Autobahn nach Bremen bretterst.“ Wann ist denn die Weserinsel Harriersand eigentlich zu Ende? Und sind das hier wirklich alles natürliche Sandstrände? „Gleich dahinten ist Harriersand zu Ende. Und: Harriersand, das waren einst sieben Flussinseln, die der Mensch zu einer aufgeschüttet hat.“ Steuermann Jens Parnack stellt sich zur Gruppe und übernimmt die Einzelfragenbeantwortung. Maren Bundschus hat ein ähnliches Aha-Erlebnis wie auf der „Oceana“ auch schon einmal auf einer Hafenrundfahrt in Bremerhaven erlebt: „Man ist ja hier zu Hause und weiß dann doch so wenig über seine Umgebung. Das ist schon erstaunlich. Toll, dass es das noch gibt.“

Was wäre wohl, wenn erst die „Oceana“ selbst erzählen könnte von all den triumphalen Schiffstaufen und Segelschiffsparaden, die sie in ihrem Leben begleitet hat? Da sind die Hochzeiten und runden Geburtstage, die Fünfziger mit Bordkapelle, der Rock’n‘ Roll, Schlagerabende, die wilden Techno-Parties, die Radio-Bremen-Eins-Disco. Und „Oceana“ ist bis heute eine käufliche Schönheit: Für 3000 Euro gehört sie einem ganz alleine für vier Stunden. Und doch entdeckt man dann noch nicht ihren letzten Zauber. Der ist der Mannschaft vorbehalten, die sie auch alle fünf Jahre mal komplett sieht, wenn sie im Dock liegt. Kapitän Dröge-Buscher hat Fotos wie Pin-Up-Bilder von der letzten Werftzeit auf seinem Handy. Die „Oceana“ praktisch mal ganz nackig ohne Wasser untenrum: „Man muss sich doch nur einmal dieses toll geschnittene Unterwasserschiff anschauen. Und dann: Ein Zwei-Schrauben-Schiff. Das ist heute eine Seltenheit und toll damit zu manövrieren. Für mich gibt es jedenfalls kein schöneres Schiff auf der Weser.“ (Volker Kölling)

Weitere Infos gibt es Internet bei Hal Över unter http://www.hal-oever.de

 

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