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Nüchterne Zahlen, tollkühne Vorstellung
16.03.2018
DGzRS legt Jahresbericht 2017 vor – Neuer „Bootschafter“ Till Demtrøder wagt „Mann-Über-Bord Manöver“

Victory! Geschafft! Der neue DGzRS-„Bootschafter“ Till Demtrøder ist nach seinem spetakulären Mann-Über-Bord Manöver wohlbehalten an Bord der „Verena“, Tochterboot des Flottenflaggschiffs „Hermann Marwede“, angekommen. (Foto: Kölling)

Der Text beim neuen „DGzRS-Bootschafter“ Till Demtrøder sitzt: Und der Schauspieler aus dem Großstadtrevier weiß als Segler selbst, was die Zahl von 2050 Einsätzen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger auf Nord- und Ostsee bedeutet. Für den 50-Jährigen wird auf der Kontrollfahrt außerdem der Kindheitstraum wahr, einmal mit einem Tochterboot hinten die Rampe eines Seenotrettungskreuzers hinunter zu rauschen: Und für die Kameras springt Demtrøder sogar ins Wasser.

Es ist ein „Mann-Über-Bord Manöver“ mit Ansage bei Windstärke fünf, zwei Meter Welle und schwarzen Schneeschauerwolken am Himmel. Über ein Dutzend Kameras sind auf Till Demtrøder gerichtet, als der in der Messe in seinen Überlebensanzug eingepackt wird. Eine halbe Stunde zuvor hat der Wahlhamburger noch die nüchternen Zahlen der Bilanz 2017 präsentiert: 58 Menschen hat die DGzRS im vergangenen Jahr direkt aus Seenot gerettet, 432 aus drohender Gefahr befreit, 467 Kranke und Verletzte auch von den Inseln transportiert. Demtrøder selbst hat erlebt, wie ein Verletzter nach seinem Absturz vom Kreidefelsen auf Rügen nur von einem DGzRS-Schlauchboot vom Felsenschelf gerettet werden konnte.

Hinter jeder Zahl stecken genauso viele Geschichten, auch hinter den 60 Schiffen und Booten, die die Retter vor dem Totalverlust bewahrt haben. DGzRS-Sprecher Christian Stipeldey berichtet vom Untergang einer Motoryacht vor Baltrum, dessen Besatzung durch das Auftauchen des Schiffes mit dem roten Hansekreuz buchstäblich in letzter Sekunde geborgen werden konnte. Da ist der Brand auf einem Windpark-Versorgungsschiff, der durch die Medien ging und die Familie samt Hund vor Peenemünde, die nach zwölf Stunden im Sommerwasser noch gesund gerettet werden konnte.

Till Demtrøder hat auch gelernt, dass ihm die DGzRS sogar helfen würde, würde er mit einer Charteryacht irgendwo in internationalen Gewässern in Schwierigkeiten geraten: In 201 Fällen hat die Bremer Rettungszentrale internationale Hilfseinsätze für Deutsche koordiniert. Christian Stipeldey: „Besonders im Gedächtnis ist da der Brand auf einer deutschen Segelyacht mitten im Atlantik geblieben. Letztlich sind den beiden Seglern Fallschirmspringer zur Hilfe geeilt, mit denen sogar ein Rettungsboot vom Helikopter aus abgeworfen worden ist.“

Heutzutage hat die DGzRS nicht nur die Berufsschifffahrt, Segler und Motorbootfahrer im Auge, sondern auch die Trendsportler vom Angler bis zum Taucher: Über 10.000 Mal sei die neue kostenlose Sicherheits-App „Safe Trx“ auf Mobiltelefone heruntergeladen worden, heißt es. Christian Stipeldey erläutert, wie die App die Route eines Wassersportlers mitplottet und so festhält, wo sich etwa auch der Stand-Up-Paddler, Kiter oder Surfer zuletzt befunden hat. Stipeldey: „Wir hatten den Fall eines Kajakfahrers auf einer Sandbank vor Baltrum, auf den eine Frau am Strand aufmerksam gemacht hatte. Ein Anruf nach der Auswertung der App, und wir erfuhren, dass der Mann nur Pause machte. Das hat eine Einsatzfahrt gespart.“ Und der beste Einsatz sei der, den die Seenotretter gar nicht erst zu fahren bräuchten.

Das trifft natürlich nicht für den Tag der Jahresbilanz zu: Da kommt es angesichts von über 127.000 gefahrenen Kilometern der 59 DGzRS-Schiffe auf die paar Meilen von Cuxhaven bis  vor Neuwerk nicht mehr an. Mit dem Flottenflaggschiff „Hermann Marwede“ legt der nagelneue Cuxhavener Seenotkreuzer „Anneliese Kramer“ mit ab, der erst im Sommer in Fahrt gegangen ist. Vormann Hanno Renner ist voll des Lobes für den Bau der Fassmer-Werft in Berne: „Auch wenn ich den viel diskutierten geschlossenen Fahrstand jetzt so sehe: Da fragt man sich, wie wir das die Jahre vorher im Winter draußen auf der alten „Hermann Helms“ überhaupt ausgehalten haben. Das war ja wie Cabriofahren im Winter, nur schlimmer.“ Jetzt sei die Kommunikation innerhalb der Mannschaft und damit auch die Koordination der Einsätze viel einfacher – und die Arbeit weniger anstrengend.

Wie viel Power der Neubau ins Wasser bringen kann, beweist die Crew der „Anneliese Kramer“, indem sie das 28 Meter lange Schiff mit voller Geschwindigkeit von 24 Knoten in der Hecksee der „Hermann Marwede“ surfen lässt. Die Kameraleute der Medienteams haben fast vergessen, dass da heute noch einer baden gehen wollte: Till Demtrøder trägt inzwischen auch noch eine Rettungsweste über dem Überlebensanzug.  Kaum steht die „Hermann Marwede“, rutscht das Tochterboot „Verena“ die Rampe runter. Drei Minuten später hechtet der Schauspieler ohne zu zögern über Bord. Er hat vier Minuten in der viereinhalb Grad kalten Nordsee, bevor ihn Dominik Holtmeier und Sven Wittklo mit ihrem speziellen Rettungsnetz auffischen und praktisch wie einen Fisch über den Gummiring des Festkielschlauchbootes ziehen.

Als das kleine Boot die Heckwanne des großen Seenotrettungskreuzers hochjagt, steht da ein Mann mit doppelten Victory-Zeichen zwischen den Blitzlichtgeräten. Till Demtrøder: „Ich hätte nicht erwartet, dass man es in dem Trockenanzug so komfortabel hat. Was gestört hat, war die Schwimmweste, weil die auch die Sicht einschränkt. Das Teil ist aber unerlässlich, weil es einen im Fall einer Ohnmacht auf die richtige Seite dreht.“ Für seine eigene Segelei mit Freunden auf Charterschiffen hat er gelernt, wie wichtig immer wieder die Kontrolle der Ausrüstung ist: „Da braucht man auch wie hier eine Einweisung in die Sicherheitsausrüstung, damit im Ernstfall nichts schief geht und alle wissen, was zu tun ist.“ Und natürlich hat die DGzRS im 153. Jahr ihres Bestehens als komplett privat aus Spenden finanzierte Organisation auch Lösungen des dritten Jahrtausends anzubieten, was die Vorbeugung vor Seenotfällen angeht: Wer sich auf das Wasser wagt, kann sich im Internet bei den Rettern unter www.sicher-auf-see.de über die richtige Ausrüstung informieren. (Volker Kölling)

 

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