Logo
SVG News
„Ich möchte erhalten, was ich hier erlebt habe“
31.05.2017
Sportschipper-Interview mit Albert Schweitzer, dem neuen sportlichen Wettfahrtleiter der Nordseewoche

Von Bremen-Vegesacks Altem Speicher aus betreut Albert Schweizer Segelprojekte in halb Europa. Trotz des Jobs bei Incidence Segel hat sich der Segelmachermeister überreden lassen, die sportliche Wettfahrtleitung der Nordseewoche zu übernehmen, die in diesem Jahr vom 2. bis 5. Juni stattfindet. Der 60-Jährige will die Traditionsveranstaltung, die bereits zum 83. Mal stattfindet, behutsam weiterentwickeln – mit dem Augenmerk auf echten Hochseesport. Sportschipper-Mitarbeiter Volker Kölling hat sich mit ihm unterhalten.

Sportschipper: Wird der Job des Wettfahrtleiters der Nordseewoche im Stadtbezirk Bremen-Nord vererbt? Sie folgen als Segelmacher von hier auf Stefan Lehnert, Chef von Vector Foiltec in Lesum.

Albert Schweizer: Man könnte meinen, weil man gemeldet ist in Bremen-Nord, müsste das so sein. Aber nein! Damals haben wir – Torsten Conradi (Geschäftsführer Yachtkonstrukteursbüro Judel & Vrolijk und Co, wohnt in Grohn, Anm. d. Red.), andere und ich – Stefan Lehnert gefragt, ob er die Wettfahrtleitung übernimmt. Er hat echt einen Hintergrund: Stefan Lehnert und Holger Schmidt (heute Miteigner der Spreizgaffelketsch „Senta“) waren auf der „Saudade“ als Jungspunde beim Admiral‘s Cup mit dabei auf dem Vorschiff. Und ich selbst bin mit Stefan Lehnert auch auf der „Container“ Admiral‘s Cup gesegelt.

Sportschipper: Das waren jetzt viele Namen, und alle haben sie einen Bremen-Bezug. Die Gegend hier ist schon ein Mekka der Hochseesegler gewesen?

Albert Schweitzer: Das ist ja das Traurige hier: Es gibt Bilder drüben vom Weser-Yacht-Club neben der Werft Abeking&Rasmussen, da war er neben dem New-York-Yacht-Club in Newport Rhode Island der teuerste und am besten besetzte Holzboothafen der Welt. Es stimmt: Bremen war früher identisch mit der deutschen Hochseeseglerszene schlechthin. Daher kommt ja auch die Nordseewoche.

Sportschipper: Und sie haben Stefan Lehnert damals dann zwangsverpflichtet?

Albert Schweitzer: Nein: Wir wollten damals einfach einen sportlichen Wettfahrtleiter haben, der sich wirklich damit auseinander setzt, was das Wetter macht und wann der Strom kentert. Wir haben ihn gebeten, ob er uns helfen kann. Und er hat gesagt: Ja, ich mache das, aber nicht alleine. Ihr müsst mich unterstützen. Daraus hat sich eine sehr nette Zusammenarbeit ergeben. Bei einem Heringsessen mit anderen Hochseeseglern hat Stefan Lehnert im Herbst jetzt gesagt: So, ich bin jetzt Mitte 60 und mache das schon 17 Jahre. Jetzt ist mal Feierabend.

Sportschipper: Jetzt haben Sie Ihren 60. Geburtstag gefeiert, und da hieß es dann: Schluss mit immer nur Segeln, jetzt mal ran an die Verantwortung?

Albert Schweitzer: Ja genau. Zwei, dreimal hatte Stefan Lehnert Anläufe bei der Suche nach einem Nachfolger unternommen. Aber die Gespräche waren frustrierend für ihn, weil es nie um die Wettfahrt ging, sondern immer nur um Kohle. Und bei unserem Treffen im Herbst fragte ich dann, wie es weitergeht, und da streckten sich zwei Finger in meine Richtung und die sagten: Das machst jetzt Du.

Sportschipper:  Das klingt jetzt aber schon nach Zwangsverpflichtung!

Albert Schweitzer: Na ja, das war die Retourkutsche für damals. Im ersten Moment war ich höllisch nervös und dachte: Kriege ich das jetzt hin neben meinem Beruf? Ich habe mir eine Woche Bedenkzeit erbeten und ein langes Gespräch mit Stefan Lehnert gehabt.

Sportschipper:  Wird das also ein fließender Übergang? Eine Nordseewoche gemeinsam?

Albert Schweitzer: Nein, Stefan ist jetzt nicht mehr dabei. Er wird aber auf Standby sein. Und Organisationsleiter Markus Boehlich wird mir den Rücken freigehalten. Der Wettfahrtleiter Sport kümmert sich wirklich nur darum, wie die Gruppeneinteilung aussieht und wie die Bahnen sein sollen angesichts des Wetterberichtes. Man hat mit der Administration, den Meldungen und den Meldegeldern nichts zu tun. Da haben wir ein richtig tolles Team um Markus Boehlich aus Hamburg. Es sind ja doch immer 50 Frauen und Männer für die Organisation auf der Insel. Alle stellen sich auf freiwilliger Basis zur Verfügung, damit es eine tolle Nordseewoche wird. Viele Bremer und viele Hamburger sind dabei. Und das läuft alles sehr freundschaftlich ohne Zwistigkeiten. Man muss ja wissen, dass hinter der Nordseewoche schon sechs, sieben namhafte Klubs stehen, darunter der Hamburger Segel Club, der Norddeutsche Regatta Verein oder auch die Segelkameradschaft „Das Wappen von Bremen“.

Sportschipper:  Die Nordseewoche ist das Hochsee-Adelstreffen der deutschen Segler. Wer es in einigen Jahren hingeschafft hatte, hatte ja schon bewiesen, dass er was kann.

Albert Schweitzer: Ja, das kann man so sagen. Ich selbst bin in den vergangenen vierzig Jahren 37 Nordseewochen gesegelt. Ich bin und war immer ein Fan der Nordseewoche. Schon zu meinen Kinder- und Jugendzeiten im Schwarzwald habe ich die Segler-Zeitungen verschlungen und gestaunt, was da abgeht. Ich war fasziniert von der Insel, von der Tide, von den Admiral‘s-Cup-Yachten, den Eintonnern, Vierteltonnern und Minibötchen. Und dann ist man selber involviert und fragt sich irgendwann: Warum soll ich das nicht machen?

Sportschipper:  Wenn man die Entwicklung anderer Regatten wie der Weser-Herbst-Regatta mit der Einführung des Family-Cruiser-Cups nimmt, dann geht die Entwicklung im Regattasegeln doch im Moment dorthin, wieder möglichst alle um die Wette mitsegeln zu lassen, oder?

Albert Schweitzer: Die Nordseewoche ist natürlich immer noch der Sprung weg übers Wasser, mal wirklich zur Insel segeln. Bei normalen moderaten Wetterbedingungen ist das kein Problem. Es kann aber auch schon mal schwierig werden wie 2016. Die Natur macht einem alle paar Jahre einen Strich durch die Rechnung. Aber eins muss man klar sagen: Jeder Segler findet für seinen Anspruch und seine Crew dort Befriedigung. Wer mit seinem Flitzer richtig schnell segeln will, bis zu Fans von Langstrecken-Regatten, es ist für jeden etwas dabei. Alle zwei Jahre gibt es rund Skagen, alle zwei Jahre die Regatta nach Edinburgh – dieses Jahr zum 25. Mal. Es gibt auch den Family-Cruiser-Cup, für den, der sagt: Ich möchte einfach nur mit meiner Familie ohne tolle Besegelung dort hinsegeln und gehöre nicht zu den verrückten Regattaseglern, die immer alles auf Teufel komm raus hochziehen, auf der Kante sitzen und sich vor Helgoland fit machen für die englischen Regatten.

Sportschipper:  Manche ziehen praktisch von hier mit im internationalen Regattazirkus?

Albert Schweitzer: Ja, und die Nordseewoche ist heute auch wichtig für die Qualifikation für internationale Regatten. Wenn du das Fastnet-Race segeln willst vor England mit all seinen Sicherheitsanforderungen, dann musst Du Dich immer mehr qualifizieren und Nachweise führen. Und die Nordseewoche gehört zu den honorigen Veranstaltungen, mit denen man das tut. Die Nordseewoche hat ein gutes europäisches Standing.

Sportschipper:  Heißt: Wer vor Helgoland segeln kann, kann das überall auf der Welt?

Albert Schweitzer: Genau. Und ich habe für mich beschlossen, dass ich das, was ich hier erlebt habe, erhalten möchte. Meist hat die Nordseewoche ein tolles Starterfeld, und das soll so bleiben. In den Jahren mit „Skagen rund“ sind wir bei 180 Booten, wenn Edinburgh als Ziel angesagt ist, sind es ein paar weniger. Wir wollen aber als Nordseewoche flexibel sein und haben ein neues Feld aufgezogen. Das richtet sich an die, die  praktisch immer arbeiten. Die haben irgendein schickes Bötchen und wollen einfach mal ohne komplizierte Segel wie Spinnaker oder Code Zero damit fahren. Die können jetzt einfach auch mitfahren, mit eigenem Kurs um die Insel herum. Helgoland Challenge nennen wir das. Es wird bis zu drei Jahre dauern, bis sich das eingespielt hat. Mit dem Family Cruiser Cup auf dem Hinweg hat es auch gedauert, bis sich herum gesprochen hatte, was das für eine tolle Sache ist. Und nun fahren über dreißig Boote mit, was toll ist. Und für manche Segler war das der Sprung in die Regattaszene. Da sagten dann die Kids zum Vater: Wir müssen mal die und die Segel kaufen, und dann geben wir mal richtig Gas. Das haben ich und mein Bruder bei meinem Vater damals auch schon so gemacht.

Sportschipper:  Es geht also weiter in die Breite, was den Anspruch angeht?

Albert Schweitzer: Wir werden immer die Sportlichkeit hochhalten. Das brauchen wir medial und auch für die Sponsoren. Wichtig ist mir aber, dass wir die Augen offenhaben und schauen: Wohin entwickelt sich der Segelsport?

 

Zur Person: Albert Schweizer hat auf dem Bodensee auf ganz kleinen Booten segeln gelernt. Als Segelmacher für North Sails kam er zunehmend mit internationalen Spitzenseglern in Kontakt, die bald sein Talent auch für den Segeltrimm, die Taktik und das Rudergehen entdeckten. Mit dem Team „USA“ und dem Team „Italien“ holte er zweimal den Admiral‘s Cup. In den vergangenen Jahren machte der heute 60-Jährige als Steuermann der „Leu“, einer Judel&Vrolijk-Konstruktion der Bootswerft Winkler,  immer wieder auf den Offshore-Regattabahnen von sich reden. Schweizer nahm 1976 zum ersten Mal an der Nordseewoche teil und brachte es dort bis heute auf 37 Starts. (vk)

Stichwort: Nordseewoche

Für Hochseesegler ist Helgoland ein Sehnsuchtsort – und das hat sehr viel mit der Nordseewoche als einzige „echte“ deutsche Seeseglerregatta zu tun. Kaiser Wilhelm der Zweite wird gerne als Motivator dafür bemüht, dass der Weser Yacht Club gemeinsam mit dem Norddeutschen Regatta Verein 1922 eine neue Regattaserie für die ganze Küste ausrief. Seit dem Pfingstfest im Jahr 1925 ging es für rund 2000 deutsche Segler zum roten Felsen – und das noch ohne GPS und Funkpeiler nur mit Kompass, Uhr und Sextant zur Navigation. Sechs Tage dauerte damals eine Nordseewoche und schon seit der Frühzeit musste man die Nächte eigentlich auch nennen: So hart gesegelt wurde, so hart wurde auch gefeiert.

1933 segeln zum ersten Mal fünf Yachten die Langstreckenregatta „Rund Skagen“. Von 1939 bis 1950 darf die Insel von den Seglern nicht mehr betreten werden. 1953 zählt die Nordseewoche schon wieder 51 teilnehmende Yachten. 1964 darf das erste Boot aus glasfaserverstärktem Kunststoff mitsegeln. 1968 wird die „Edinburgh-Regatta“ erfunden, die heute im Wechsel mit „Rund Skagen“ ausgetragen wird.

Der erste Segelboom kommt und 1973 melden 153 Boote zur „Rund Helgoland Regatta“. Der Admiral‘s Cup als inoffizielle Mannschafts-Weltmeisterschaft der Hochseesegler wird  erstmals von den Deutschen gewonnen. Alle Moden der Bootskonstruktionen lassen sich in den Folgejahren rund um den Roten Felsen bewundern. Bis heute ist es so, dass deutsche Eigner ihre neuen Boote gerne auf der Nordseewoche vorzeigen. Wer bei Regatten wie dem Fastnet-Rennen und anderen Offshore-Regatten mithalten will, braucht das Training und die Qualifikationspunkte rund um den Roten Felsen, der 36 Seemeilen vor Cuxhaven liegt.

In diesem Jahr findet die Nordseewoche vom 2. bis 5. Juni statt – es ist die 83. Neuauflage. Zubringerregatten gibt es am Pfingstsonnabend von Bremerhaven, Cuxhaven, Hooksiel und Hallig Hooge. Pfingsten werden dann die Klassiker Rund Helgoland und Helgoländer Acht gesegelt, bevor am letzten Tag die Rückregatten und die Langfahrt nach Edinburgh angeschossen werden. (vk)

 

 

Dieses und vieles mehr aus Ihrer Region lesen Sie im Sportschipper, dem Fachmagazin für Bremen und umzu. Das Abo lohnt sich. Ganze 1,50 Euro kostet das Heft, das dann jeden Monatsanfang in Ihrem Briefkasten liegt. Tel: 0451-898974, gewerbe(at)sport-schipper.de