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Höllenritt mit himmlischem Ausgang
08.03.2018
DGzRS ehrt Rettunseinheit der U.S. Air Force für eine millionenschwere Rettungsaktion zweier schiffbrüchiger Bremerhavener Segler in der Karibik mit ihrer höchsten Auszeichnung

Der Hölle entkommen: Karl-Heinz Meer senior und sein Sohn, Karl-Heinz Meer junior, verdanken ihr Leben einer millionenschweren, perfekt getakteten Rettungsaktion – und ihrer eigenen geistesgegenwärtiger Reaktion. (Foto: Kölling)

Eine solche Rettungstat aus der Luft, 500 Meilen vor der Küste hätten die Deutschen technisch nicht hinbekommen: Und so gibt es für das Abbergen von zwei schiffbrüchigen deutschen Seglern am 7. Juli 2017 viel Lob für die Rettungseinheit der „920th Rescue Wing“ der U.S. Air Force – stellvertretend für die 80 an dem Einsatz beteiligten Helfer. Sie erhalten die höchste und seltene Ehrung der DGzRS: die Medaille für Rettung aus Seenot am Bande in Gold.

Binnen Sekunden wird aus einem Abenteuertörn ein Albtraumtörn: Karl-Heinz Meer senior (66) aus Bremerhaven begleitet seinen Sohn Karl-Heinz Meer junior mit Wohnsitz in Brühl/Westfalen schon seit dem Kauf der 43 Fuß langen Segelyacht „Caroona“ in Panama durch die Karibik. Das Schiff ist schick, aber nicht mehr in perfektem Zustand. Das merken die beiden erfahrenen Segler, als bald im Golf von Mexico der Ausgleichbehälter des Abgassystems den Geist aufgibt. Karl-Heinz Meer senior: „Wir lagen vor Kolumbien und haben erlebt, was Korruption heißt: Nur für den Namen des Yachtteilehändlers verlangten die Jungs auf dem Küstenwachschiff schon 2000 Dollar und wollten uns vorher nicht fahren lassen.“

„Caroona“ flieht geradezu bei Nacht und Nebel Kurs Nord auf Haiti zu. Über einen Bremer Spezialversand für Yachtzubehör ist das Motorteil binnen zwei Tagen im Hafen angekommen, staunt Karl-Heinz Meer heute noch. Aber insgesamt läuft den beiden die Zeit etwas weg. Sie wollen Richtung Bremerhaven. Der nächste Tankstopp ist auf Bermuda geplant. Es ist fast windstill 500 Seemeilen östlich von Florida. Der Motor röhrt brav durch die Flaute. Am 7. Juli hat der Senior den Tisch im Cockpit gegen neun Uhr morgens Ortszeit schon für das Frühstück gedeckt, als der Motor sein Geräusch verändert.

Der 48-jährige Karl-Heinz Meer junior klettert aus dem Cockpit hinunter in den Salon und öffnet die Inspektionsklappe zum Motor unter dem Niedergang: „Ich hatte die Motorabdeckung noch in der Hand, als es einen Knall gab. Und mit der Verpuffung kam eine Feuerwand auf mich zu und hat mich umgehauen.“ Der Vater sieht in diesem Moment aus dem Cockpit nur, dass die Kajüte in Brand gerät und wie die Hand seines Sohnes aus dem Qualm auftaucht. Der scheitert erst beim Versuch, sich über die kleine Treppe wieder an Deck zu ziehen.

Bei der Verpuffung haben die Flammen in kürzester Zeit die komplette Haut der Beine verzehrt und für Verbrennungen dritten Grades gesorgt. Aber in den nächsten Minuten werden beide Männer mit ganz kühlem Kopf alles Nötige für ihre spätere Rettung veranlassen: Das Satellitentelefon lag schon für das Morgentelefonat mit der Heimat im Cockpit. Das muss mit. Erst beim dritten Auslöseversuch bläst sich die Insel auf und wird außenbords gebracht. Kurz vor dem Verlassen des Bootes öffnet Karl-Heinz Meer senior noch eine Backskiste und vergisst nicht einmal das Geschenk für seinen  Enkelsohn: Eine Trompetenmuschel, auch nützlich als Signalgeber.

Doch nun muss es erst einmal das Satellitentelefon tun: Karl-Heinz Meer senior ruft seine Frau in Bremerhaven an und berichtet kurz und knapp, wie es steht. „Ich weiß nicht warum, aber die Morgenposition unseres Schiffes hatte ich plötzlich noch ganz klar im Kopf.“ Meers Frau ruft die Feuerwehr Bremerhaven an, die umgehend weiterleitet an die Seenotleitung Bremen, die auch Einsätze für Deutsche Seeleute in aller Welt koordiniert. In der Zentrale der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger lösen Wachleiter Uwe Boltes und Susanne Berner (Hörwache Kanal 16) einen der komplexesten Einsätze der letzten Jahre aus.

Ihr Anruf bei der U.S.-Küstenwache wird umgehend zu Commander Kurt Matthews weitergeleitet, dem kommandierenden Offizier der amerikanischen Rettungseinheit 920th Rescue Wing der U.S. Air Force. Beim Blick auf die Position des Havaristen so weit vor der Küste und mit der Information über einen schwerverletzten Schiffbrüchigen weiß der drahtige Offizier, dass er das ganz große Besteck auspacken muss: „Und dann kamen die ersten Rückmeldungen: Unsere zwei Hubschrauber waren noch in der Wartung und die Lufttanker auch nicht bereit zum Einsatz.“ Wie sehr er Dampf gemacht hat, damit dann doch binnen zwei Stunden alles klar zum Beginn der Rettungsaktion war, die Frage lächelt Matthews weg: „Sagen wir es einmal so: Die beiden Geretteten können heilfroh sein, dass wir alle im Team und in den kooperierenden Stellen einen unserer besten Tage erwischt haben.“

Dabei sind viele der insgesamt 80 an der Rettung beteiligten Airman und zivilen Helfer gerade an dem Tag erst aus einem sehr kurzen Urlaub nach Einsätzen in Afghanistan zurück in die Basis gekommen. Einige werden geholt. Die Erfindung der Spezialtruppe für Rettung aus Gefechtslagen auf dem Wasser und an Land geht auf das Jahr 1956 und die US-Kriege in Südostasien zurück. Der Commander denkt nach: Zum Zeitpunkt des Alarms ist für die nächsten Tage eine Inspektion der Einsatzbereitschaft des „920th Rescue Wing“ angekündigt. Matthews ruft seinen vorgesetzten General an und fordert die Freigabe für eine lange Liste an Personal und Ausrüstung. Er hat sofort grünes Licht.

Die Meers haben in der Rettungsinsel mit ihrem Satellitentelefon noch einmal einen kurzen Anruf der U.S-Küstenwache bekommen. Sie haben die Hoffnung, im ruhigen blauen Meer mit ihrer quietschorangen Schwimminsel gefunden zu werden: Sie haben eine EPIRB-Notfunkbake neben dem Floß ins Wasser geworfen. Aber Stunden ohne ein Anzeichen für Rettung vergehen. Und Hans-Gerd Meer senior ist schon bewusst, wie weit sie von der nächsten Küste entfernt sind: „Da zog in der Rettungsinsel buchstäblich mein ganzes Leben wieder an mir vorbei. Und dann hatte ich ja meinen lebensgefährlich verletzten Sohn neben mit, dessen verbrannte Beine im Salzwasser lagen.“

Die wenigen Wassernotrationen in der Rettungsinsel überlässt der Senior seinem Sohn in den wenigen Pausen, wenn der gerade nicht schreit oder wieder in Bewusstlosigkeit versinkt. Die Stunden vergehen, und für den Vater ist das schlimmste, dass er seinem Sohn absolut nicht helfen kann. Commander Kurt Matthews hat derweil den leeren Tanker „Nord Nightingale“ umgelenkt in Richtung der Position des Havaristen.  Das 183 Meter lange Schiff taucht letztlich acht Stunden nach dem Brand tatsächlich vor der Rettungsinsel auf. Meer senior: „Ab dem Moment gab es wieder Hoffnung.“ Das Schiff mit der Flagge Singapurs soll aber nur Standby bleiben. Die Retter sind schon nahe.

Was Vater und Sohn Meer nicht ahnen können, ist das Ausmaß der Luftflotte, die sich nur für sie schon vormittags in die Lüfte geschwungen hat: Zwei schwere Transporthubschrauber vom Typ „Sikorsky HH-60 Pave Hawk“ machen sich auf den Weg. Eine ihrer im wahrsten Sinne hervorragendsten Eigenschaften lässt sich an einem langen Rüssel erahnen, der neben der Cockpitkanzel weit vor den Helikopter ragt. Schon auf dem Hinweg zum Unfallort müssen beide Helis in der Luft betankt werden. Commander Kurt Matthews kann rechnen: Eine „Pave Hawk“ schafft mit vollen Tank 500 Meilen, also nur den Hinweg.

Das wird eine Mission für die schwere „Lockheed HC-130 P/N King“, die schon auf dem Hinflug zur Unfallstelle wie eine riesige Hummel heranfliegt, um dann den Tankstutzen Meter für Meter Richtung Helikopter schweben zu lassen. Fingerspitzenarbeit ist von Mayor Chris Ferrara gefragt, der als Copilot des Tankers die Tankprozedur für die beiden Helikopter steuert. Alles geht glatt – und damit können sich die „Guardian Angel Airman“ der Einheit als nächstes auf den Sprung aus ihrem Flugzeug in den Atlantik vorbereiten.

Über Tanker und Rettungsinsel angekommen, fährt die Ladeluke auf. Unter den Augen des Lademeisters werfen die Fallschirmretter auch ein komplettes Zodiak, medizinische Ausrüstung und letztlich sich selbst in einem Fünferteam ab. Für Karl-Heinz Meer senior ändert sich plötzlich die erlebte Zeitgeschwindigkeit: „Da durchleiden wir stundenlanges Warten, dann ist da die Freude über den Tanker, und plötzlich waren die „Angel“ mit ihrem Schlauchboot neben uns.“ Der Notarzt geht als erster in die Insel. Meer senior staunt über jeden Handgriff und wie schnell sein Sohn mit Verbänden, einer Morphiumspritze und sogar einem Katheder wegen des Wassermangels und der Verbrennungen versorgt ist. Major Cody Atchinson von der „920th Rescue Wing“ beschreibt die Situation beim Eintreffen so: „Die beiden Schiffbrüchigen hatten schon sehr lange in der Rettungsinsel ausgehalten und waren total dehydriert. Da war es ein gutes Zeichen, wie freudig sie uns in Empfang genommen haben. Sie waren gut ansprechbar.“

Die Meers werden von ihren Rettern ins Schlauchboot übergesetzt. Trotzdem bekommen sie an diesem Tag noch einmal richtig Angst. Karl-Heinz Meer senior: „Wir sollten am Kran des Tankers die bestimmt zwanzig Meter hohe Bordwand hochgezogen werden. So schwebend setzte der Kran der asiatischen Crew aus, und ich habe noch zu meinem Sohn gesagt: ‚Wenn wir jetzt runterfallen auf Deck, dann sind wir auch tot nach all den Strapazen‘.“ Galgenhumor nennt man das wohl.

Es ist Abend geworden über der Unglücksstelle mitten im Traumozean der Karibik. Die Hubschrauber brummen heran und winschen – von Airman mit Nachtsichtgeräten gesteuert – das ganze Team und die Geretteten vom Tanker.

Noch ein Tankflugzeug muss in Florida aufsteigen, weil es sonst für die Helikopter mit dem Sprit nicht bis nach Hause reicht. Weil der Heli-Platz am Krankenhaus die schweren Maschinen nicht tragen würde, landen die deutschen Segler schließlich um 1.20 Uhr Ortszeit auf dem „Orlando High School Football Field“. In Deutschland ist es sechs Stunden später, Frühstückszeit, als die Teams der Krankenwagen übernehmen.

Die U.S.-Air Force zieht stolz und zufrieden Bilanz. Commander Kurt Matthews weiß, dass es nur sehr wenige Länder auf der Erde gibt, die solch einen Einsatz schultern könnten. Beide „Pave Hawks“ waren allein neuneinhalb Stunden in der Luft, drei Flugzeuge am Ende noch einmal jeweils sechs und sieben Stunden.  Und was hat das ganze gekostet? Commander Kurt Matthews legt sich da nicht fest, nickt aber heftig bei der Frage, ob das über eine Million Dollar gewesen seien: „Aber machen Sie den beiden Geretteten keine Sorgen. Ich habe mit meinem General noch geklärt, dass wir das als Übung verbuchen.“ Und die „von oben“ für mehrere Tage angesetzte Inspektion der Einsatzfähigkeit sei mit diesem Bravourstück auch vorbei gewesen.

Ohnehin dürfte der Prestigegewinn dieser Rettung weit über jedem schnöden Geldpreis liegen: Im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg ist Ende Januar sogar der U.S.amerikanische Honorarkonsul Richard Yoneoka anwesend, um die besonderen Taten vieler Männer und Frauen an diesem Karibiktag im Juli 2017 zu würdigen. Er erkennt in dem Einsatz ein  Beispiel für die immer noch gegebene Qualität der transatlantischen Beziehungen. Der Vorsitzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, Gerhard Harder, stellt auch den individuellen Mut der Retter heraus: „Der technische Fortschritt ermöglicht heute Rettungen, die früher undenkbar waren. Dennoch: Technische Lösungen retten noch keine Menschen aus Seenot. Wie vor 153 Jahre bei der Gründung unserer Gesellschaft sind es auch heute erst das Können, der Mut und die Beharrlichkeit der Retter, die dies ermöglichen.“ Applaus von rund 130 Festgästen.

Irgendwann stehen die beiden fast schüchtern dreinblickenden Geretteten im Blitzlichtgewitter und TV-Kamerasummen unter den sechs geehrten Männern und Frauen in ihren meerblauen Paradeuniformen. Von Commander Kurt Matthews gibt es für sie tatsächlich live vor Ort noch hohes Lob: „Sie waren sehr gute Gerettete, weil sie schon mit dem ersten Anruf alles richtig gemacht haben. Auch ihre Ausrüstung war sehr gut.“

Karl-Heinz Meer junior wird an dem Tag öfter gefragt, wie es seinen verbrannten Beinen geht. Und da geht sein Lob an die Klinik in Orlando: „Die hatten das binnen zwei Wochen sehr gut wieder hingekriegt. Und jetzt hat meine Frau sogar entdeckt, dass wieder ein Haar am Bein wächst.“ Ob sie sich noch einmal auf solche eine Reise machen würden? Der Bremerhavener Karl-Heinz Meer blinzelt und versteht die Frage fast nicht: „Ich habe selbst noch ein 35-Fuß-Boot in Bremerhaven und hatte überlegt, es auszurüsten und nach Florida zu segeln, um mich dort noch einmal vernünftig zu bedanken. Aber jetzt sind die Amis ja hierher gekommen – umso besser.“  (Volker Kölling)

 

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