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Einer für alle, alle für einen
18.05.2017
Klarschiff für die neue Saison: Großer Arbeitseinsatz auf der „Esprit“ – Mitsegler für legendäres „Tall Ships Race“ gesucht

All hands on deck: An- und einzupacken gab es genug. Zusammen macht’s Spaß.

Aufklaren nach der Winterpause. Vegesacks Vorzeigeschiff „Esprit“ betüddeln am Wochenende gleich 50 Stammcrewmitglieder, um es sicher und fit für die Jagd einmal quer durch die Ostsee zu machen: Für das legendäre „Tall Ships Race“ werden noch Jugendliche gesucht, die sich in den Sommerferien bei der Wettfahrt gegen eine internationale Jugendseglerflotte Seglerbeine wachsen lassen wollen. Jeder zwischen 16 und 26 kann mit.

Von Thomas Schaeffer schaut nur der Kopf aus der Achterluke des Zweimasters. Und manchmal der Arm, wenn er die nächste Feststoffweste annimmt und unten verstaut: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“, meint er grinsend. In der Ameisenkette zwischen dem Pkw-Anhänger oben an der Hafenkante sind emsige Doktoren, Schüler und Handwerker unterwegs. Das Wochenende in Vegesack haben sich alle freigehalten, weil sie hier nur noch eins sind: Menschen, die sich irgendwie in diesen schmucken modernen Zweimaster verguckt haben, beim Hobby Segeln hängengeblieben sind, bis sie irgendwann Stammcrewmitglieder waren. Zum Lohn für viele Seemeilen dürfen sie nun die speckigen Bodenbretter der Werftzeit auf der Bootswerft Winkler aus der „Esprit“ reißen und den schicken Sommerfußboden an Bord des 20-Meter-Schoners schleppen.

Eine Bord-Hierarchie ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Aber die alten Hasen in der Crew haben durch ihre Erfahrung automatisch die Jobs mit der größeren Verantwortung. Andreas Maurer schraubt die Verschlusskappe einer Taschenlampe auf und kontrolliert die Batterien. Zusammen mit Kornelia Martens prüft er jedes Teil der Sicherheitsausrüstung, bevor es wieder an Bord geht: „Wir haben hier eine Was-ist-wo-Liste, auf der jedes Ausrüstungsdetail genau dokumentiert ist“, erläutert sie. Die Mann-Über Bord-Boje liegt noch auf dem Steg. Die ist mit Wimpeln, Bambus, Auftriebskörper und Signallampe selbst gebaut, weil es sie so gut und groß schlicht nicht zu kaufen gibt.

Alles ist maritime Sicherheitstechnik zum Vorzeigen: Jedes Crewmitglied hat einen Überlebensanzug, mit dem man im Fall des Falles viele Stunden, wenn nicht Tage, länger im Wasser überleben kann. Skipperin Iris Jachertz erzählt von den nagelneuen Rettungswesten und den beiden Rettungsinseln, die in diesem Jahr neu angeschafft worden sind. Die Jugendsegler- und Traditionsschiffregatten haben heutzutage höchste Sicherheitsanforderungen. Wer da nicht mithält, ist nicht dabei. Aber dieser Standard ist auch selbstgewollt auf einem Schiff, auf dem schlicht jeder für ein Wochenende oder auch den langen Sommertörn anheuern kann.

Nach ein paar Tagen kann man schon am Ruder Kurs halten und kennt die Winkel des Schiffes, in denen es seine Segel versteckt. Isabell „Isi“ Nürnberger steht vorne in der Segellast und nimmt riesige Säcke von Jördis Stamm entgegen. Die ist mit gerade mal 17 Jahren heute die Jüngste beim Stammcreweinsatz. Dieses Jahr hat die „Esprit“ ein neues Großsegel bekommen, im vergangenen Jahr wurden das Schonersegel und die Genua getauscht. Iris Jachertz: „Natürlich wird man die neue Segelgarderobe auf der Regatta bemerken. Aber wir segeln mit den Jugendlichen auch nicht so auf Kante wie auf Profiregatten, bei denen neue Segel viel  mehr ins Gewicht fallen würden.“

Als die Segel angeschlagen werden müssen, sind überall Hände zu sehen. Auf der Hafenbrücke stehen die Soloskipper und beneiden die „Esprit“ um so viele helfende Hände und den Saisonstart als erstes seeklares Schiff im Hafen nach dem Winterschlaf. Wobei: Auch das mit dem Schlaf trifft auf die „Esprit“ nicht so ganz zu. „Wir haben bei Winkler komplett alle Rumpfdurchlässe gegen neue aus Edelstahl getauscht. Das war viel Arbeit. Und zu Beginn des ersten Sail&Work-Törns der Stammcrew werden wir jetzt auch noch alle Heizungsleitungen neu verlegen.“

Ein 20-Meter-Schiff hat mehr Technik und mehr Wartungsjobs im Bauch zu bieten als ein Einfamilienhaus: Die Tanks für das  Frisch- und das Brauchwasser müssen noch gespült und wieder in Betrieb genommen werden. Iris Jachertz blinzelt in die Sonne und freut sich für die erste Crew: „Die wird auf dem ersten Tön wie immer noch viel handwerklich zu tun bekommen. Aber andererseits ist feinstes Segelwetter angesagt, und so hoffen wir mal, dass die wie geplant über Helgoland bis nach Sylt kommt.“

Seit zehn Uhr ist schon Betrieb an Deck gewesen. Über den Tag hat ein eigenes Cateringzelt die Arbeitenden versorgt. Um 19 Uhr haben alle zum Essen in die Klubräume des Kutter- und Museumshavenvereins in den Thiele-Speicher verholt. Die Aufgaben für den Sonntag werden besprochen: Den Relingsdraht nachspannen, Pumpen, Toiletten und Spüle gangbar machen. Den Kühlschrank checken, Proviant an Bord bringen: Welche Dose darf nach der Winterpause wieder auf das Schiff zurück? Iris Jachertz lacht: „Ein paar Dosen kommen so wirklich zurück, Aber tatsächlich wird an Bord wenig aus der Dose gekocht: Fast alles wird frisch zubereitet. Einige sagen über uns, dass wir praktisch ein Gourmetschiff sind.“

Beim Bier hat man sich dem entsprechend am Abend auf Flensburger Pils geeinigt. Nach dem Essen stehen immer wieder Grüppchen von Menschen vor einem großen Plan an der Wand und tragen sich zu Törns ein: Vier Stammcrewmitglieder sind auf jeder Reise dabei – Skipper, Co-Skipper, zwei Wachführer oder Deckshände. Iris Jachertz: „Bei 16 Kojen an Bord können wir Neulinge so ganz behutsam an das Segeln heranführen. Man braucht eigentlich zwei Menschen, um die ‚Esprit‘ sicher zu segeln, und zwei leiten dann die anderen an.“

In der Ecke des Klubraums hat es sich eine Gruppe gemütlich gemacht und schwärmt schon von den Helgoland- und Ostseereisen der kommenden Saison. Die Musikanlage wird etwas lauter gedreht. Auch das gehört zur „Esprit“-Legende: Als einziges deutsches Schiff hat sie Mitte der 90er Jahre den Hauptpreis des damals noch „Cutty Sark Tall Ships Races“ genannten, weltgrößten Jugendsegelrennens gewonnen. Den gab es nicht für die „Esprit“ als eines der schnellsten Schiffe in der Flotte, sondern für Völkerverständigung. Bedeutet übersetzt: Die Crew hatte es schon immer raus, auch die besten Partys steigen zu lassen. (Volker Kölling)

 

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