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SVG News
Eine Wachnacht, viele Wassergeschichten
15.11.2017
Unterwegs mit der letzten Nachtwache des Jahres auf den Stegen der YHG Grohn

Alles beim Rechten? Monika Ewert und Christian Kleine auf Kontrolltour. (Foto Kölling)

Wenn Wassersportler zu Nachtwächtern werden, sind echte Experten in Sachen Bootssicherheit auf den Stegen der Yachthafengemeinschaft Grohn unterwegs. Alle vier Vereine in Bremens größtem Sportboothafen kümmern sich gemeinsam um die Besetzung dieser Freiwilligendienste. Die Nachtwache an sich ist neben der Arbeit auch eine spirituelle Erfahrung. Beobachtungen von der letzten Wache 2017.

Monika Ewert und Christian Kleine liegen mit ihren großen Stahlschiffen direkt backbord von der Lesum kommend am Eingang zum Sportboothafen. Heute treffen sie sich aber mal um 22 Uhr nahe dem Flaggenmast: „Wir könnten Diebe eigentlich von unseren Booten aus noch besser sehen als von hier oben aus. Wenn mal welche kamen, haben die mit kleinen Booten meist den Wasserweg gewählt und sind in den Hafen gepaddelt, um nicht aufzufallen,“ meint Christian Kleine, Eigner einer elf Meter langen Segelyacht von der Feltz-Werft in Hamburg. Wie Monika Ewert gehört er zum Verein Wassersport Vegesack (VWV). Aber einmal im Jahr bei der Nachtwache nehmen die beiden auch die Vereinsanlagen der anderen vier Vereine im großen Wasserbecken genauer in Augenschein.

Ende Oktober sind sie die letzte Wache. Das kleine transportable Wachhäuschen ist wegen Orkan Xavier und dem Hochwasser schon vor die Spundwand gezogen worden. Für die letzten paar Tage Wachdienst ohne Sturm wollte es niemand zurück transportieren. Das rotweiße hölzerne Schwedenhäuschen beherbergt eine Elektroheizung, einen Wasserkocher, einen akkubetriebenen Suchscheinwerfer, drei Stühle und den Schreibtisch für die Wachgänger. Monika Ewert stellt fest, dass die letzte Blanko-Seite im Wachbuch schon beschrieben ist. Also legt Christian Kleine das Protokoll auf einem DIN-A-4-Block an: „Man soll ja gar nicht lange sitzen, sondern möglichst draußen in Bewegung bleiben und kontrollieren. Es ist auch besser, man macht etwas, weil dann die Zeit schneller rumgeht“, so Christian Kleine. 14 Jahre ist er schon hier, mittlerweile mit dem zweiten Schiff – also hat er auch schon 14 Wachen hinter sich. Monika Kleine toppt das mit 19 Jahren Vereinszugehörigkeit. Sie hat einen prächtigen Colin-Archer mit zwei Masten im Hafen. Klar, wo zwischendurch Kaffepause gemacht wird. Löslicher Kaffee mit dem Wasserkocher? „Damit fangen wir ja wohl gar nicht erst an,“ meint sie lächelnd. Man braucht schließlich auch etwas zwischendurch, worauf man sich freuen kann.

Um 22.30 Uhr gehen die beiden erst einmal die Hallen ab und rütteln an allen Türen. „Man hat es schon einmal, dass eine Tür nicht richtig ins Schloss gefallen ist, und dann muss man natürlich vorsichtig nachsehen“, meint Kleine. Für Carsten Collrepp als Vorsitzendem der Yachthafengemeinschaft Grohn ist an der Stelle wichtig, immer wieder einzubleuen, dass die Nachtwache nicht als Hilfspolizei unterwegs ist: „Bei Verdacht auf einen Einbruch haben die Wachgänger unverzüglich die Polizei zu kontaktieren – und sich zurückzuziehen.“ Kein Außenborder ist es wert, seine Gesundheit zu riskieren.

Tatsächlich sei durch die bloße Existenz einer Nachtwache eine gewisse Art von Abschreckung für Diebe gegeben, glaubt Christian Kleine. Die Stahlwerke sind an diesem Abend wieder einmal voll in Aktion und lassen ein gelbliches Restlicht über dem Hafen strahlen. Es ist fast windstill. Jeder Mucks ist weithin zu hören. Kein gutes Wetter für böse Buben. Dazu haben Monika Ewert und Christian Kleine die Taktik, keine feste Taktik zu haben. „Im Wachbuch sind zwar Stundenzahlen für die Nacht eingetragen. Aber es ist immer besser, man geht nach keinem festen Schema und bleibt so schwer auszurechnen,“ erläutern die beiden. In einer Frühjahrswache haben sie auch schon einmal heftigen Partybetrieb auf einigen Schiffen der „Roländer“ weiter hinten im Hafen registriert. Kleine: „Da mussten wir dann natürlich bis drei Uhr nachts nicht hin, weil die selbst auf sich aufgepasst haben.“

Heute ist der Steg des Wassersportvereins Roland früher dran mit der Inspektion. Auch auf der Anlage des Vereins Wassersport Farge ist alles beim Rechten. Christian Kleine wundert sich, wie viele Boote jetzt zum Saisonende noch im Wasser sind. Da zocken offenbar einige Kollegen noch auf die letzten warmen Herbsttage im Oktober für ihre Freizeitbeschäftigung Bootfahren. Die Boote der beiden Wachgänger bleiben im Winter im Wasser. Auch beim Wassersportverein Aumund (WSVA) ist alles ruhig. Kennzeichen von Fahrzeugen, die jetzt noch um den Hafen schleichen, werden notiert. Die meisten Autos der Kollegen kennt man ohnehin. Auf einigen Booten schlafen noch Menschen.

Der Weg zu den Außenstegen an der Landzunge zur Lesum ist der längste der Nacht und wird mitunter auch im Auto zurückgelegt. Monika Ewert: „Einige Jahre war da regelmäßig richtig Remmidemmi von einigen Jugendlichen. Da fühlt man sich im Fahrzeug sicherer. Aber das hat auch wieder nachgelassen.“ Passiert sei ohnehin nie etwas. Der Wind briest ein wenig auf. Ausgerechnet auf dem Längssteg des VWV knattern an einem kleinen Kajütsegelboot aus Polyester die Fallen: „Wenn ich eins hasse im Hafen, dann das, wenn mich so ein Kollege nachts beim Schlafen stört,“ sagt Christian Kleine, und schon steht er auf dem Vorschiff der kleinen Yacht und bändigt die Leinen mit Hilfe eines Zeisings, bis wieder Ruhe herrscht im Hafen. Monika Ewert: „Früher war man bei so etwas noch rigoroser: Da hätte man die Leinen bei dem einfach abgeschnitten.“

Ganz viele Wassergeschichten kommen in so einer Wachnacht zum Vortrag. Gut, wenn man viele zu erzählen hat. „Die letzten beiden Stunden wird man auf Wache schon einmal etwas wunderlich“, grinst Christian Kleine mit Blick auf das Wachbuch. „Das Verbrechen lauert überall – es kommt nur heute nicht zum Vorschein“ haben da ein paar Wach-Witzbolde ein paar Tage vorher unter „Besondere Vorkommnisse“ eingetragen. „Ich habe vor ein paar Jahren  aufgeschrieben, dass ich mitten in der Nacht vor einem Fuchs stand,“ erinnert sich Christian Kleine. Er kann von einem Blitzeinschlag in ein Boot berichten, der gemeldet worden ist. Die normalen Hinweise gelten kaputter Stegbeleuchtung. In dieser Nacht erleben die beiden noch Natur in Aktion: Eine Babykatze hat eine Babymaus gefangen und spielt mit ihr. Nachts sieht man interessante Dinge – auch und vielleicht gerade ohne Fernsehen. (Volker Kölling)

 

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