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Ein verhängnisvoller Irrtum
28.05.2017
In diesem Frühjahr ist es genau 50 Jahre her, seit der liberianische Frachter „Balmoral“ auf der Mellumplate strandete und wenige Wochen später zerbrach. Ein halbes Jahrhundert später ragen immer noch Fragmente des Rumpfes aus den tückischen Mahlsänden unweit des Leuchtturms Mellumplate und erinnern als stille Zeugen an die Geschichte eines verhängnisvollen Irrtums – und an die „Kaperfahrt“ von fünf Horumersieler Seglern.

Stummer Zeitzeuge: Ein halbes Jahrhundert nach dem Unglück ragen immer noch Fragmente des Rumpfes der „Balmoral“ aus den tückischen Mahlsänden unweit des Leuchtturms Mellumplate. (Foto: Th. Kruse)

Doch der Reihe nach: Der Frachter „Balmoral“ (1921 BRT, 87 Meter lang) fuhr mit Ballast von Gent nach Bremen. Norddeich-Radio hatte gemeldet, dass der Lotsendampfer sich wegen des NW-Sturmes auf Innenposition bei Tonne „G“ zurückgezogen habe. Der ortsunkundige Kapitän der „Balmoral“ glaubte nach dem Studium der Seekarte, der Weser-Lotse liege bei Tonne „G“ in der Olde-Oog-Rinne. Als in stürmischer Nacht zum 13. März diese Position erreicht wurde, bemerkte man auf der Brücke, dass der dort erwartete Lotse viel weiter östlich lag, eben bei Tonne „G“ in den Außenweser, was ja an sich logisch war. Die „Balmoral“ nahm per Morsescheinwerfer mit dem Lotsen Verbindung auf. Als die vom Lotsenversetzer gemorste Aufforderung zurückzulaufen gegen 0.50 Uhr auf der „Balmoral“ entziffert wurde, war es bereits zu spät: Der Dampfer konnte bei brausendem Westwind und starkem Flutstrom nicht mehr gedreht werden. Um 1.15 Uhr hatte das Schiff die erste Grundberührung und wurde durch Wind und Strom weiter hart auf die tückischen Untiefen der Mellumplate versetzt. Dort blieb der Havarist hoch und trocken liegen; Gefahr für die Besatzung bestand zunächst nicht.

In den nächsten Tagen lief die Bergung an, blieb aber erfolglos. Am 16. März brachen dem Schlepper „Goliath“ aus Bremerhaven bei 7 bis 8 Beaufort die Trossen. Der Seenotkreuzer „H. H. Meier“ übernahm die zehnköpfige Besatzung. Nur der Kapitän und einige Offiziere blieben zunächst an Bord.

Am 20. März gingen auch der Kapitän, der Schiffskoch und der 2. Offizier als letzte von Bord. Am 6. April wurde die Bergung eingestellt. Am 12. April meldete die Wasserschutzpolizei: Das Schiff ist nicht zu retten. Inzwischen lag die „Balmoral“ bei Niedrigwasser völlig trocken. Das Heck war tief in den Sand eingespült, der Steven ragte hoch aus der Strandplate empor; das Schiff hatte zehn Grad Schlagseite. Am. 5. Juni stellten Experten des Wasser- und Schiffahrtsamtes Wilhelmshaven fest: „Die Zerstörung ist nicht aufzuhalten.“ Um Ölverschmutzungen abzuwenden, wurden am 26. Juni noch 120 Tonnen Schweröl aus dem Wrack gepumpt.

An der Küste hatte das Wrack inzwischen die Phantasien so mancher Freizeitkapitäne beflügelt. „Das Schiff wurde mehr oder weniger systematisch ausgeschlachtet und geplündert“, stellte die Wasserschutzpolizei Bremen fest. Daran waren fünf junge Segler aus Horumersiel nicht ganz unschuldig, die dem Wrack Anfang Mai einen Besuch abstatteten. Als sie Ausrüstung des Frachters mit einem vom Wrack erbeuteten Rettungsboot in Horumersiel an Land bringen wollten, überraschte sie der Zollbeamte Herbert Sander aus Hooksiel. Funkausrüstung, Positionslaternen, Tauwerk und Proviant von der „Balmoral“ kamen unter Zollverschluss. Das erbeutete Rettungsboot nahm Zollkreuzer „Nesserland“ in Schlepp nach Wilhelmshaven. „De moijen Roodwien hebbt se in´t Siel lopen laten“, erinnerte sich der frühere Sielwärter Bernhard Ihnken sen., der von seiner Dienstwohnung das nächtliche Geschehen am Kai beobachtete.

Die Kaperfahrt der „Piraten“ hatte natürlich ein gerichtliches Nachspiel vor dem Landgericht Oldenburg, wo im Januar 1968 ein teils erheiternder Prozess zum Freispruch der Angeklagten führte. Man habe, so die Einlassung vor Gericht - den „Fund“ ja dem Strandvogt melden wollen. Durch das Eintreffen des Zöllners habe sich das erübrigt. Auch wenn das Gericht feststellte, „dass eine ganze Menge gegen die Unschuld spricht“, reiche das für eine Verurteilung nicht aus.

So ranken sich um die „Balmoral“ jede Menge Döntjes und Legenden, von der Bergung der mächtigen Schiffsschraube bis zum köstlichen Rotwein, der in den Sielhafen geflossen sein soll. Die Segelkameradschaft Horumersiel, der die „Seeräuber“ angehörten, erinnert jedes Jahr im Mai mit einem Matjesessen an jene legendäre Segeltour zur „Balmoral“ – mit gemischten Gefühlen, aber auch mit ein ganz klein wenig Stolz. (tk)

 

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