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Die Zukunft hängt am Kunststoffseil
26.01.2018
Tauwerksentwickler Gleistein geht Partnerschaft mit Drahtseil-Hersteller aus Memmingen ein – Wirtschaftssenator würdigt Philosophie und Marktstellung des Traditionsunternehmens aus Blumenthal

Aufmerksamer Zuhörer: Bremens Wirtschaftssenator Martin Günthner (r.) lässt sich von Gleistein-Geschäftsführer Klaus Walther in die Geheimnisse der Qualitätskontrolle einweihen. (Foto: Kölling)

Das Gewicht der Zukunft hängt an einem Seil aus Kunststoff – zumindest wenn es nach den Tauwerksentwicklern der Firma Gleistein in Blumenthal geht. Um weltweit Faserseil-Anwendungen noch besser vermarkten zu können, ist der Drahtseil-Hersteller Pfeifer aus Memmingen im November eine strategische Partnerschaft mit den Bremern eingegangen. Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) kam jetzt zu Besuch, um sich auch darüber ein Bild zu machen.

Ein Knall und ein Rumms wie nach dem Abfeuern einer Panzerkanone schallen durch das Gebäude. Für niemanden im  Pressetross ein Grund, in Panik zu geraten. Die Seilspleißer nebenan arbeiten sowieso seelenruhig weiter. So etwas passiert auf der Streckbank im Labor mitunter zehnmal am Tag. Der Knall variiert nur nach der Beschaffenheit des zu zerstörenden Materials. Heute riecht es nach verschmortem Kunststoff: Die 300-Tonnen-Reißanlage hat nach gut zehn Minuten Kraftaufbau ein armdickes Bündel aus grauglänzenden Dyneemafasern zerrissen. Zerfetzte graue Enden sagen für die Experten viel aus über das Material und den Seilaufbau: „Wir geben hier sehr viel Geld für die Zerstörung von Seilen aus,“ erklärt Gleistein-Geschäftsführer Klaus Walther seinem Besucher Martin Günthner und erläutert diese Form der Qualitätskontrolle. Angelieferte Rohware wird hier genauso auf die harte Tour überprüft wie eigene Produkte.

Auf 4500 sogenannte „Risse“ bringen es die Tester im Jahr. Davon geht ein gehöriger Teil auf die Entwicklung eigener Produkte. Klaus Walther ist auch der kaufmännische Kopf des Unternehmens, was man an seiner Einschätzung der teuren Laborarbeit merkt: „Die Wertschöpfung des Labors ist eine indirekte, aber nicht zu unterschätzen im Effekt. Damit setzt man Standards und hält sie auch ein.“ Der gute Ruf von Gleistein hat sich seit langem herumgesprochen. Auch die Produktionstochter in der Slowakei mit ihren 135 Beschäftigten läuft in bester Arbeitsteilung: In Bremen sitzen die Entwickler. Hier werden die komplizierten Aufträge abgearbeitet. Gleistein Slovakia in Suvoz liefert die arbeitsintensive und einfachere Konfektionsware. Vier Märkte deckt man so ab: Von der Marineanwendung inklusive Offshore, Fischerei und Berufsschifffahrt namens „GeoMarine“, über alle Spielarten von Yachttauwerk unter dem Namen „GeoYacht“ und das Arbeitstauwerk „GeoProfessional“ bis zum Schwerlasttauwerk. Durch die Sparte der Hebeseile namens „GeoLift“ tut sich jetzt eine ganz neue Welt auf.

Mit den Drahtseilspezialisten der Firma Pfeifer aus Memmingen im Allgäu war man seit Jahren locker in Kontakt und schätzte die Gleistein sehr ähnliche Struktur: Das sei ein sehr altes, in der Industrie aber auch durch die Familienführung hochinnovatives und flexibles Unternehmen und eben eine Branchengröße, so Walther: „Die schaffen einen Jahresumsatz von 260 Millionen Euro. Das ist doch mal eine Hausnummer. Aber was für uns noch wichtiger ist: Pfeifer verfügt über ein weltweites Vertriebsnetz und beste Kontakte, die uns noch sehr nützen können.“

25 Prozent der Gleistein-Firmenanteile war Pfeifer diese strategische Firmenpartnerschaft wert. Gleistein verfügt nach Klaus Walthers Worten über ein großes Portfolio an Neuentwicklungen, die nun mit Pfeifers Hilfe weltweit den richtigen Kunden zugeführt werden können. An der Gleistein-Firmenstruktur  ändere sich nichts, versichert Walther.

Was die Vertriebsexperten der Drahlseilfirma eventuell noch lernen müssen, könnte ihnen auch Bremens Wirtschaftssenator Martin Günthner nach dem Rundgang durch die Hallen direkt vermitteln: „Man bekommt hier den Eindruck, wie daran gearbeitet wird,  Stahltrossen mit ihrem riesigen Gewicht durch leichte, dünnere, aber hochfeste Fasern zu substituieren.“ Die Anwendungsmöglichkeiten für diese neuen Verbindungen seien enorm.

Wie auch das Stichwort rollen zwei junge, bei Gleistein selbst ausgebildete Seiler eine silberne Riesenschlange zusammen, an deren Ende sie eine ummantelte Schlinge gespleißt haben. Vielleicht ein Festmacher für ein neues Kreuzfahrtschiff? „Dafür wäre das Tauwerk zu gut und zu teuer. Außerdem kann man damit viel mehr bewegen,“ meint der junge Seiler ungerührt. Solche Seilgeflechte aus der Wunderfaser Dyneema hieven ganze Windkraftboliden mit Rotorblättern, Narbe und Kraftwerkshaus in hundert Meter Höhe auf den Turmbau.

Klaus Walthers Ur-Ur-Großvater Geo Gleistein hätte auch nicht schlecht über die industriellen Maschinen gestaunt, die in Windeseile in den großen Fabrikationshallen an der Blumenthaler Heidlerchenstraße geschlagene Seile oder wahlweise auch die unterschiedlichen Formen von geflochtenen Seilen herstellen. In sieben Jahren wird die Firma 200 Jahre alt und ist damit der älteste produzierende Industriebetrieb Bremens, der sich noch in Familienhand befindet. Die Ahnentafel im Verwaltungsbau zeugt von ganz anderen Arbeitsbedingungen als heute: 380 Meter lang war Gleisteins Seilbahn einst und lärmte durch ganz Vegesack, erzählt Klaus Walther. Er erinnert an die Pferdekoppel und die vielen Kilometer, die die Arbeiter zur Herstellung eines Seils laufen mussten: „Das ist heute etwas anders. Und unsere hundert Leute arbeiten in einer beheizten Halle.“

Martin Günthner spricht – frisch beeindruckt von dem Gesehenen – bei Gleistein von einem „Hidden Champion“, einem heimlichen Weltmarktriesen: „Gleistein verkörpert eine Mischung ganz verschiedener typisch bremischer Unternehmensansätze: Das Unternehmen pflegt eine lange Tradition, ist maritim in der Prägung, industriell aufgestellt, immer innovativ bei allen neuen Zielsetzungen und nicht zuletzt ein wichtiger Arbeitgeber.“ Martin Günthner kann auch den neuen Gleistein-Partnern aus dem Süddeutschen nur Positives abgewinnen: „Die Arbeitsplätze werden so gesichert, der Firmensitz erhalten, und es gelingt durch die Entscheidung, einen Partner mit einzubeziehen, mit dem man hervorragend seine eigenen Kompetenzen bündeln kann.“ (Volker Kölling)

 

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