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Die Yacht des kleinen Mannes
22.08.2017
10. Holzkanadiertreffen an der Hamme: Ritterhude hat sich zum bundesweit größten Szenetreff gemausert

Hier ist alles Holz, was glänzt. (Foto: Kölling)

Hut und Feder, Holzkanadier, Hosenträger. Gekocht wird in schwarzen gusseisernen Kesseln auf offenen Feuern und geschmaust in großer Runde. Ganz klar: Es ist wieder Holzkanadiertreffen in Ritterhude an der Hamme direkt hinter der Schleuse. Und bei manchen der Teilnehmer denkt man, sie seien hierher gepaddelt und nicht aus Frankfurt oder Aachen mit dem Auto zum größten Szenetreffen des Jahres angereist.

Sonnabend um halb sieben ist der Tagestörn zu Ende und manch Hobby-Trapper und manche Paddelmaid beim Aussteigen aus dem hölzernen Untersatz kaputt zum Umfallen. Organisator Enno Meier zuckt nur entschuldigend mit den Schultern, als ihm ein Kollege vorwirft, man habe ja praktisch immer gegen die Strömung anpaddeln müssen: „Morgens um zehn ging es wegen der Schleusenzeiten nicht anders, aber auf dem Rückweg von den Wassersportfreunden in Walle hatten wir eigentlich Stauwasser.“

Ein Blick Richtung Himmel erklärt aber auch, warum diese Ausfahrt nicht nur erbaulich ablief: Schauerwolken sind mit einiger Geschwindigkeit selbst noch am Abend unterwegs. Die kalte Dusche war heute auf dem offenen Wasser unvermeidbar. In halbnasser Kleidung tragen die Damen und Herren ihre Boote auf die Wiese und sorgen als allererstes mit dem Schwamm dafür, dass das glänzende Holz wieder trocken wird. 33 Teilnehmer sind mitgefahren – neun in Solobooten, 13 im Tandem. Enno Meier: „Und die Waller Wassersportfreunde haben uns wieder toll bewirtet mit Kaffee, Kuchen, Salaten und Würstchen.“

Eigentlich war das auch eine Tour in die Geschichte der eigenen Lieblingsboote, überlegt Meier: So zwischen 1920 und 1960 seien die Kanadier die „Yacht des kleinen Mannes“ gewesen. „Walle war ja immer ein Zentrum der Arbeiterbewegung, als es der noch besser ging. Und dem entsprechend hat sich der Waller Wassersportverein dann auch schon 1921 gegründet. Und was fuhren die Leute? Holzkanadier!“ An jedem Wochenende hätten die Kanadier seinerzeit die Schleusen vollgemacht für die kleine und bezahlbare Flucht aus dem Alltag.

Jörg Wagner aus Rosbach bei Frankfurt nickt zu Enno Meiers Worten: „Für viele war der Holzkanadier das, was für andere die Laube war: Man zog sich seine Bugpersenning über und schlief sogar auf dem Schiff.“ Gerade für die Stadtbewohner ohne Autos sei der Holzkanadier die Möglichkeit gewesen, mal raus ins Grüne zu kommen. Jörg Wagner: „Heute ist es wesentlich, dass die Boote so leicht und tragbar sind.“ Hans-Georg Wagner baut Holzkanadier und hat in Ritterhude bei dem Treffen gerade sogar zwei Neubauten ausgeliefert, seine Jahresproduktion für jeweils rund 4000 Euro pro Stück: „Es stimmt schon: Die größte Herausforderung auch beim Bau ist die, das Boot so leicht wie möglich und doch hochfest zu bauen.“

Der Bootebauer erzählt von Wiener Kollegen, die es mit Holzschnittmusterbögen schaffen, Kanadier von nur neun bis elf Kilo Gewicht zu bauen, praktisch tragbar mit einer Hand. Der andere Wagner aus Rosbach erläutert das Bauprinzip der Kanadier von außen nach innen: „Erst wird die Bootshaut wie ein Umschlag gespannt, und dann kommen die Querverstrebungen, die Planken und Rippen dazu.“ Die Sperrholzplatten, die Hans-Georg Wagner verbaut, haben nur eine Stärke von zwei Millimetern: „Die Indianer haben früher Birkenrinde dafür verbaut. Man musste das als Baumaterial verwenden, was die Natur hergab.“ Und jeder Stamm habe Baumeister für die Boote gehabt, die praktisch aus der Maserung des Holzes seine Einsatzmöglichkeiten lesen konnten.

Die Natürlichkeit des Baustoffes ist es auch, die alle in der Runde fasziniert. Jörg Wagner: „Es ist eine Frage der Ästhetik und des Designs. Holz macht nicht jeden Blödsinn mit. Man muss sich auf das Material beim Bauen einlassen und kann  keine Designs umsetzen, die am Reißbrett entstanden sind.“ Detlef Wölbeling aus der Nähe von Aachen findet, dass man auch das Fahrverhalten der Holzkanadier überhaupt nicht mit denen von Kunststoffbooten vergleichen kann: „Wenn man ein Holzboot fährt, spürt man diese ganz andere Qualität. Es gleitet schöner, läuft besser und selbst das Plätschern ist viel angenehmer.“

Für Festivalmacher Enno Meier gibt es ohnehin nur den Holzkanadier und kein anderes Boot: „Meine Eltern sind schon immer im Holzkanadier unterwegs gewesen und ich solange ich denken kann. Es gibt nichts Besseres.“ Das Treffen 2017 ist schon das zehnte, das er organisiert hat. Und bevor nicht alle eisernen „Dutch Oven“ angefeuert sind, hat er jetzt keine richtige Ruhe mehr, um sich weiter zu unterhalten. Acht Gänge, meint Meier, kommen am Ende bestimmt zusammen.

Die anderen in der Runde lachen, als Enno Meier in Richtung der Zelte abdampft, um die Kocherei zu unterstützen und die letzten Kleinigkeiten vor dem Mahl zu organisieren. Es gibt Lob für das alle zwei Jahre stattfindende Treffen in Ritterhude und zum Abschluss noch fast etwas Philosophisches: Wer sich mit Holzkanadiern beschäftige, komme automatisch mit der Epoche der Pioniere Nordamerikas in Kontakt. Die USA und Kanada hätten die Europäer schließlich auf dem Wasserweg erkundet. Man komme als Kanadier-Fan leicht auf die „traditionelle Schiene“ mit Wanderfahrten, Zelt und Kochpott, findet Detlef Wöbeling. Und Jörg Wagner meint: „Wir lernen auf den Holzkandieren, uns Dinge wieder zu erarbeiten.“ Und spätestens am Essen sieht man dann, dass kein Holzkanadierfahrer dabei auf Lebensqualität verzichten muss. (Volker Kölling)

 

 

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