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Die Hölle besiegen
26.04.2017
Die German Wind Academy trainiert Notfallhelfer im Maritimen Kompetenzzentrum in Elsfleth hart an der Grenze zur Wirklichkeit

Aufwärmübung im Wasser: Zusammen sind wir stark. (Fotos: Kölling)

Das Schwimmbad verwandelt sich binnen Minuten in eine dunkle Hölle mit Hubschraubergetöse, meterhohen Wellen und peitschender Gischt auf dem Wasser. Im Wasser: vier Johanniter, die ab sofort die psychologische Eingreiftruppe Offshore bilden. Eine bundesweit einmalige Einrichtung. Die German Wind Academy trainiert die Notfallhelfer im Maritimen Kompetenzzentrum in Elsfleth hart an der Grenze zur Wirklichkeit, damit später im Einsatz Offshore nichts schief geht.

Der Ernstfall ist noch nicht lange her: Ein Schiffsoffizier bekommt einen Herzinfarkt. Es dauert 40 Minuten, bis Hilfe da ist. Seine Kollegen auf dem Windpark-Errichterschiff übernehmen die Erstversorgung, bangen um den Mann. Im Krankenhaus auf dem Festland verstirbt der Familienvater wenig später. „Die Kollegen hatten sehr viel damit zu tun, das zu verdauen. Man muss sich vorstellen: Die sind auf einem Schiff vor den Offshore-Baustellen der Windparks nicht nur Kollegen, sondern teilen über viele Monate alles miteinander,“ so Jan Gartemann, der an diesem Sonnabend die Ausbildung der „German Wind Academy“ leitet. Es habe in solchen Fällen Suizidversuche gegeben, Fälle von Trauma bei denjenigen, die einen Unfall überlebt haben oder einfach nicht mehr helfen konnten.

Die schnelle Eingreiftruppe für alleingelassene Seeleute, Monteure und alle, die draußen auf See einen Unfall hatten, nennt sich „VENTUSmedic Offshore and Medical Services“ der Johanniter-Unfall-Hilfe. Es gehe um eine Optimierung der kompletten Rettungskette, auch der Notfallseelsorge, erläutert Jan Gartemann, der selbst Johanniter ist und für deren Luftrettungseinheit arbeitet: Das Schulungsprogramm für zwei Psychologen und zwei Rettungssanitäter beinhaltet Bausteine, die entwickelt worden sind für die Betreuung von Soldaten mit Stresstraumata nach einem Einsatz. Neu dabei sind in diesem Fall allerdings die Elemente Wind und Wasser.

„Wir sind 24/7/364 aktiv. Das heißt, uns kann man 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche und das 364 Tage im Jahr alarmieren,“ meint die 28-jährige Johanniter-Gruppenführerin Anja Schlottke. Sie ist schon seit  zehn Jahren beim Rettungsdienst und vertraut ihren drei Kollegen blind. Das Team für die psychologische Notfallseelsorge ist in dieser Zusammensetzung schon vor fünf Jahren gegründet worden: „Wir sind schon durch so manchen brennenden Reifen gesprungen. Da schaffen wir das hier auch“, macht sie sich und den anderen Mut. Ein paar Tage zuvor waren sie schon einmal im Becken und haben in einem Hubschraubercockpit für den Absturz trainiert. Das Schluss-Szenario dieser Übung: Das Cockpit liegt nach einer Notlandung über Kopf im Wasser. Und das Team muss sich binnen weniger Minuten befreien. Schlottke: „Vor jedem von uns saß ein Trainer und hat auf uns aufgepasst. Dadurch fühlte es sich gar nicht so schlimm an, wie es zuerst aussah. Man wusste: Da ist einer, der Ahnung hat und sofort hilft. “

Dieser Sonnabend beginnt für den Trupp nach der Einweisung durch Jan Gartemann mit vergleichsweise leichtem Plantschen: Der Sprung aus vier Metern Höhe im Überlebensanzug bringt noch den größten Kitzel. Erst einmal heißt es: Sich gewöhnen an diese steife Bekleidung, die einem im Vergleich zum Badeanzug im Wasser viele Stunden mehr an Überlebenschancen bietet. Hier im Übungsbecken hat das Wasser 17 Grad. Reinschwimmen in den Kreis, Sammeln und durchzählen ist auch im Ernstfall ganz wichtig. In der Gruppe kann man sich gegenseitig helfen. Im Wasser zeigt ihnen Trainer Carlos Glatz, wie sich alle so mit Armen und Beinen unterhaken können, dass sie praktisch wie ein sehr nasser Vierer ohne Steuermann aus ihren Armen Ruder machen können.

Die Rettungsinsel wartet. Vor dem Anbordgehen wird erst einmal die Wellenanlage angeworfen, damit es nicht allzu leicht wird. Kleines Gruppenfoto mit der GoPro: Alle können noch lächeln. Kurze Pause, raus aus der Insel, raus aus dem Wasser, Luft holen, aufwärmen. Das nächste Szenario: Die Rettungsinsel ist von Wellen umgekippt worden. Jeder im Trupp muss das riesige schwarze Gummiungetüm an Gurten auf die richtige Seite umstürzen. Jetzt schwitzen die Teilnehmer auch im Wasser. Stefan Brune-Keestra ist als erster durch und klettert aus dem Becken: „Schwierig ist eigentlich, in der Welle den Überblick zu behalten. Aber diese Handgriffe und Techniken hier jetzt so zu lernen, bringt ein gutes Gefühl. Wir müssen ja nach einer solchen Situation selbst noch in der Lage sein, den Menschen, zu denen wir geschickt worden sind zu helfen. Das klappt nur mit Training.“ Überzogen findet er all die Szenarien keineswegs: „Da draußen kann einem alles passieren, und man muss einfach vorbereitet sein.“

Unten im Wasser hat Zugführerin Anja Schlottke echte Schwierigkeiten bekommen. Beim Umstürzen der Rettungsinsel ist sie abgerutscht, unter die Insel geraten und hat sich mit einem Fuß auch noch in einer Leine der Insel verhakt. Trainer Carlos Glatz schafft es gerade noch, sie rechtzeitig aus dieser echten Notlage zu befreien. Als sie endlich wieder am Beckenrand sitzt, ist ihr Gesicht immer noch sehr gut durchblutet: „Ein paar Sekunden länger unter der Insel, und ich hätte Luft holen müssen. Da zieht echt das Leben an einem vorbei. Gut, dass Carlos so gut auf mich aufgepasst hat.“

Jan Gartemann wartet ab, bis sich alle in einer Pause wieder erholt haben. Danach bittet er die Gruppe in den Kreis zur Besprechung: Als nächstes steht die Prüfung mit allem an, was das Trainingszentrum zu bieten hat: „Das ist die eine große Übung, bei der wir die Halle komplett hochfahren. Wir üben in Dunkelheit, ihr springt in die Welle und habt noch den Downwash des Hubschraubers mit seinem Lärm über Euch. Ihr müsst die Rettungsinsel aufrichten und dann eine längere Zeit im Inneren aushalten. Schließlich werdet ihr aus der Rettungsinsel am Seil hochgewinscht.“ Jan Gartemann sieht in angespannte Gesichter und will den Stress ein wenig rausnehmen: Die flache Hand über den Kopf halten. Das sei das Zeichen, nachdem augenblicklich alles gestoppt werde, sobald es auch nur ein Teilnehmer zeige. „Sobald Euch irgendetwas komisch vorkommt, scheut Euch nicht abzubrechen.“

Schon beim Zuschauen kann einem in der kommenden halben Stunde Angst und bange werden. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Im Licht von Stroboskoplampen sehen die Wellen noch höher und bedrohlicher aus. Wie finden die sich da unten eigentlich im Wasser? Schließlich sitzen aber alle in der Insel, und das zermürbende Warten auf Hilfe beginnt. Carlos Glatz, der auch ein ausgebildeter Höhentrainer ist, schwingt  mit einem Sturzhelm auf dem Kopf  am Seil über der offenen Luke der Rettungsinsel. Es dauert, bis er die Bergeschlaufe an seinem ersten Passagier befestigt hat. Marie-Christine Vierbuchen bricht in Siegesschreie aus, als auch Stefan Brune-Keestra, die angehende Trainerin Lena Rabenstein, Andreas Henkel  und schließlich auch Zugführerin Anja Schlottke wohlbehalten „an Land“ angekommen sind. Alle fallen sich gegenseitig um den Hals. Christine Vierbuchen: „Fünf zu Null für uns. Wir haben es geschafft!“ Klar sei ihr in der dunklen und schaukelnden Rettungsinsel schlecht geworden, wem denn bitte nicht? „Ich habe echt gekämpft, um die letzte Mahlzeit drin zu halten. Ich muss schon sagen: Das war jetzt echt der Hammer.“ Der jungen Frau steckt das Adrenalin wie den Kollegen noch in den Haarspitzen. Jan Gartemann kommt dazu und verteilt Glückwünsche: „Das war richtig Spitze. Das habt ihr perfekt hingekriegt. Glückwunsch an alle!“

Als Gartemann erzählt, wie viel Zeit  vom Lichtausknipsen bis zum Ende der Prüfung nur vergangen ist, schaut er in ungläubige Gesichter. Anja Schlottke: „Ich war als Zugführerin als erste in der Insel und als letzte wieder draußen: Aber da sieht man mal, dass sich in solch einer Situation schon zwanzig Minuten wie eine Ewigkeit anfühlen können.“ (Volker Kölling)

 

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