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„Der Kopf sagt ja, das Herz schreit nein“
16.08.2017
Das Ende eines Familienunternehmens: Dirk und Klaus Deters schließen nach 108 Jahren die Deters Yacht- und Bootswerft in Berne – Viele Bootseigner verlieren ihr Winterlager

Der Abschied fällt schwer: Dirk (l.) und Klaus Deters schließen das Familienunternehmen nach 108 Jahren. (Foto: Kölling)

Auf der Deters Yacht- und Bootswerft in Berne geht es ans große Aufräumen: Bis Ende August soll das Gelände geräumt sein. Nach 108 Jahren ist Schluss mit dem Familienunternehmen. So haben die beiden Brüder Dirk und Klaus Deters entschieden. Sie haben alles an die Nachbarn von der Fassmer-Werft verkauft. Die 18 Mitarbeiter können dort neue Jobs bekommen. Allerdings wissen viele der 130 Bootseigner noch nicht, wo sie kommendes Jahr ihr Winterlager für die Boote haben werden. Und Wehmut geht um.

Ralf Weise und Andreas Stockmann binden den Mast von Weises Katamaran an den Haken des Auslegerkrans von Klaus Deters. Der sitzt am Lenkrad und ahnt, dass er auch diesem alten Kunden ein letztes Mal den Mast auf sein Schiff setzt: „Aber Dirk und ich haben so lange vor und zurück überlegt. Es gab einfach keine andere Lösung.“ In der Familie fanden sich keine Nachfolger. Die Brüder haben das Alter um aufzuhören. Und dann kam das Angebot, was es ihnen leichter gemacht hat, meint Klaus Deters.

Zwei lange Arbeitsleben gehen zu Ende: 1980 haben er und sein Bruder in Lübeck ihren Schiffbaumeister gemacht, ein Jahr später waren die beiden Geschäftsführer. Hinter diesen Titeln steckte automatisch die Einführung der 60-Stunden-Woche, meint Dirk Deters: „Wenn man so etwas wie wir hier aufzieht, dann ist man auch Sonnabend und Sonntag für die Yachties da.“ Sechzig Stunden arbeitet man aber auch nur freiwillig, wenn man Spaß an seinem Job hat. 

Klaus Deters steht neben Ralf Weise und schaut skeptisch auf dessen dünne Dyneema-Seile, mit denen der sein schweres Drahttauwerk ersetzt hat: „An so einen Tüddelkram glaub‘ ich ja nicht. Das kriegt von der Seite einen Schlag, ist hin und der Mast kommt runter.“ Ralf Weise ist selbst Bootsbaumeister und schüttelt lachend den Kopf: „Das hält zehn Tonnen. Das ist auf den Regattabahnen der Welt getestet.“ Allein die Schnacks werden ihnen fehlen, meint Ralf Weise und meint mit „ihnen“ die große Gemeinschaft der Bootseigner, die über die Jahre auf dem Lagerplatz für Boote in Berne entstanden ist: „Wir haben hier zusammen gegrillt, man ging mittags zusammen nebenan am Imbiss etwas essen. Man hat sich geholfen. Da wird etwas fehlen, wenn wir im Herbst wieder aus dem Wasser gehen.“ Zehn Jahre ist er jetzt hier und hat mitgeholfen, viele Katamarane zu Deters zu holen. Das Hubwagensystem macht deren Anlandung besonders einfach.

Andreas Stockmann aus Hannover ist so ein Angeworbener. Er und Weise kennen sich seit Jahrzehnten: „Ich war jetzt einen Winter hier und bin total begeistert. Wenn man etwas hatte, wurde einem hier total schnell und professionell geholfen. Und es war locker: Ich durfte sogar meinen Wohnwagen für die Winterarbeiten übers Wochenende neben mein Boot stellen.“ Es schauert kurz. Praktischerweise ist Stockmanns 9,40 Meter langer Katamaran ein perfekter Wetterschutz. Wie auf Stichwort besucht Dirk Deters Andreas Stockmann mit einer Tüte in der Hand. Inhalt: Der reparierte Kartenplotter des Seglers. Die Rechnung? „Hab ich noch nicht. Die kommt noch von rockn-roll-shipping,“ winkt Dirk Deters ab.

Noch so eine Besonderheit: Andreas Meyer und Michael Rohde haben sich mit ihrer Firma „rockn-roll-shipping“ in einem Designercontainer direkt auf dem Gelände der Deters-Werft angesiedelt. Was nun wird? Andreas Meyer legt sein Werkzeug kurz in das nagelneue Festkielschlauchboot, dass er gerade mit einigen technischen Finessen ausstattet: „Die Elsflether Werft baut praktisch direkt neben ihrem Betrieb die Hunte-Marina auf. Dorthin werden wir umsiedeln und dort praktisch für alle Fragen rund ums Boot Ansprechpartner Nummer eins sein.“ Meyers Kompagnon Michael Rohde präzisiert das noch: „Das geht los beim Eiswürfelmacher oder Plotter, den wir einbauen. Wir organisieren aber auch jemanden, der das Antifouling neu macht – alles. Bei uns sollen die Leute im Herbst ihre Bootsschlüssel abgeben und im Frühjahr wieder abholen, wenn alles gemacht ist.“ Die beiden finden es gut, dass sie Deters Firmenaufgabe praktisch zu diesem Schritt gezwungen hat.

Mit „rockn-roll-shipping“ ziehen wohl mindestens dreißig der Winterlieger mit nach Elsfleth in die neue Hunte-Marina um, weiß Dirk Deters. Er hat auch mitbekommen, dass einige Winterlager an der Lesum ihre Preise angehoben haben: „130 Boote stellst Du mal nicht eben so auf der Wiese unter. Da geht nun natürlich die Sucherei los.“ Er und sein Bruder müssen auch Boote unterbringen. Die beiden haben so ihre Probleme mit manchen Altlasten – von ihren Eignern aufgegebene Boote, die nun vom Platz verschwinden müssen. Klaus Deters kommt ins Büro und hält seinem Bruder das Handy vor die Nase: Er hat wieder einen Bootsverkauf unter Dach und Fach gebracht: „Jetzt kommst Du!“

Dirk Deters hat andere Sachen im Kopf: Er ist gerade von zweieinhalb Wochen Arbeiten an einer Superyacht von Palma de Mallorca zurückgekommen. „Im Bau und im Refit von Teakdecks haben wir uns über die Jahre einen richtig guten Namen gemacht. Und da in der Halle wird gerade das dritte Aluminium-Rettungsboot für den Berliner Wannsee fertig. Die wollten, dass wir ihnen noch ein viertes bauen. Aber jetzt ist Feierabend.“ Er will auch endlich richtig viel Zeit für das Hobby seiner Kunden haben: Segeln gehen, und das auch mal ohne den Blick auf den Kalender bis Spitzbergen. So ganz traut er sich den Sprung in den Ruhestand aber offenbar selbst nicht zu: „Ich bleibe ja noch öffentlich bestellter vereidigter Sachverständiger. Das werde ich wohl noch weiter machen.“

Vor der Tür zum Büro liegt noch der große Findling von der 100-Jahr-Feier der Werft im Jahr 2009. Klaus Deters erzählt von der Showband, die sie sich damals gegönnt haben und den 550 Besuchern, die sie den Tag über „durchgeschleust“ hätten. Dirk Deters gibt zu, dass es ihnen beiden noch nicht wirklich gut geht mit ihrem Entschluss zur Stilllegung des Betriebes: „Der Kopf hat ja gesagt. Und das ist auch alles vernünftig, was wir tun. Aber das Herz schreit nein – eben weil hier in unserem Betrieb so viel Herzblut von uns drinsteckt.“ (Volker Kölling)

 

 

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