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Das achte Weltwunder
18.12.2017
Der Leuchtturm als verlässlicher Freund der Seeleute ist heute ein nostalgisches Klischee. Dennoch wird er auch weiterhin als unverzichtbarer Orientierungspunkt benötigt, ja es entstehen auch noch neue Leuchtfeuer, so 2012 an der Jade und an der Elbe. Gleichwohl prägen Leuchttürme als markante, architektonisch unvergleichlich schöne Bauwerke das Bild unserer Küste. Jeder Turm ist für sich gesehen einmalig, von der Stellung, der Bedeutung und Farbgebung. Der „Sportschipper“ stellt in lockerer Reihenfolge die schönsten Leuchttürme an Nord- und Ostsee vor. In dieser Ausgabe: der Leuchtturm Mellumplate.

Mellumplate, mit Aluminiumprofilen verkleidet und mit einer Hubschrauberplattform ausgestattet, wird heute ferngesteuert. Der Grundriss misst 10,25 Meter im Quadrat. (Foto: Theo Kruse)

Weihnachten vor 75 Jahren ging der Leuchtturm Mellumplate in Betrieb ­– Der junge Ingenieur Karl Tillessen überwand mit seinen Arbeitern zahlreiche technische Hindernisse.

Der berühmte Leuchtturm von Alexandrien, der Pharos an der Mündung des Nils, wurde 300 Jahre vor der Beginn der Zeitrechnung gebaut. Er zählte zu den sieben Weltwundcrn der Antike. Als achtes Weltwunder darf getrost der Leuchtturm Mellumplate bezeichnet werden, der an der Mündung der Jade in freier See steht und vor 75 Jahren, Weihnachten 1942, nach dreijähriger Bauzeit in Betrieb genommen wurde. Für Karl Tillessen, den Erbauer des technischen Wunders auf der Mellumplate, war es die erste große Aufgabe seines Berufslebens.

Der Ingenieur hatte an den Technischen Hochschulen Hannover und Danzig Bauingenieurwesen studiert und war l936 zum Strombauressort der Marinewerft Wilhelmshaven gekommen. „Es gab keine Vorlage für seine solchen Bau“, schilderte Tillessen später die technische Herausforderung. Zwar kannte man die Technik der Gründung mittels eines Caissons, wie sie schon 1885 beim Bau der Roten Sandes zur Anwendung kam. Aber der exponierte Standort am westlichen Rand der Mellumpate auf immerhin zwölf Metern Wassertiefe bedeutete schon eine Besonderheit. Nachdem auch das Verfahren der offenen Gründung innerhalb einer Stahlspundwand in Erwägung gezogen worden war, entschloss sich das Marine-Strombauressort zu der erprobten Brunnengründung mit Hilfe eines Senkkastens. Der Leuchtturm Mellumplate sollte im wesentlichen die Befeuerung der Jade verbessern, und zwar vor allem des Wangerooger Fahrwassers. Ursprünglich bestand die Absicht, den Turm auf die Oldeoog-Plate zu stellen. Den Plan musste man jedoch aufgeben, da diese Plate wanderte und die weitere Entwicklung nicht vorhersehbar war. Deshalb wählte man die Westkante der Mellumplate als Standort, der zudem den Vorteil bot, dass auch die Minsener Rinne und die Mittelrinne durch Leitsektoren befeuert werden konnten. Als Sonderaufgabe sollte der Turm zudem noch Platz bieten für 3,7 mm-Schnellfeuerkanonen und Scheinwerfer, mit deren Hilfe man die Jadeeinfahrt hermetisch abriegeln wollte. Der Turm musste also völlig autark werden und erhielt kein Seekabel von Land her. Die Stromaggregate wurden deshalb in einem extra Stockwerk geplant. Als eine Art Kaserne im Meer sollte er schließlich eine Unterkunft für 32 Soldaten erhalten.

Nachdem der Standort ausgewählt und von der Seekriegsleitung genehmigt worden war, konnte die Planung beginnen. Dabei hatten Karl Tillessen und seine Mitarbeiter im Strombauressort die Wassertiefen, die Untergrundverhältnisse, die notwendige Gründungstiefe, Strömungsgeschwindigkeiten und -richtungen zu prüfen und zu berücksichtigen. Um die Gründungstiefe festzulegen, wurde zunächst sämtliches Seekartenmaterial aus den Jahren von 1812 bis 1939 gesichtet.

Nach dreijähriger Planung wurde im März 1940 mit dem eigentlichen Bau in der Außenjade begonnen. Der Senkkasten wurde an Land in zwei Teilen vorgefertigt. Am 11. Juni 1940 dockte man die beiden im Dock IV in Wilhelmshaven zusammengefügten Teile aus und schleppte sie mit Hilfe von drei Schleppern zur Baustelle. Das ganze sah aus wie eine gewaltige Konservendose und war so empfindlich gegen Gewichtsverlagerung, dass die Bewegung eines einzigen Mannes genügte, um den Senkkasten sichtbar zu krängen. Der Transport jadeabwärts nahm etwa sieben Stunden in Anspruch. Das Ungetüm tauchte etwa neun Meter tief und ließ sich nur schwer schleppen. Nachdem der Senkkasten genau positioniert war, wurden die Schieber geöffnet, und die Stahlkonstruktion sank auf Position 53 Grad, 46,3 Minuten Nord und 8 Grad 5,6 Minuten Ost auf den Meeresgrund. Sofort nach dem Absetzen wurde mit den Druckluftarbeiten begonnen. Im nach unten offenen Senkkasten befand sich eine Druckluftkammer, in der die Arbeiter per Hand den Boden aushoben. Dadurch sackte der Senkkasten stetig weiter in die Mellumplate ein. Mit Schüttsteinen und Buschmatten wurde die Umgebung gegen Auskolkungen gefestigt: eine Fläche, so groß wie ein Fußballfeld. Doch die Naturgewalten ließen sich nicht bis in letzte Einzelheiten berechnen: So neigte sich der Senkkasten infolge gewaltiger Kolkbildung zu einer Seite, wodurch Seewasser in die Druckluftkammer eindrang. In letzter Sekunde konnten sich die Arbeiter retten. Mit Hilfe von zwei Schleppern gelang es, den Caisson zu stabilisieren, so dass der Bodenaushub fortgesetzt werden konnte. Bei dieser Aktion verdrehte sich der Sockel um ein Grad und elf Minuten und verdriftete fünf Meter gen Norden.

Am 22. Juni 1940 war die erste aufregende Absenkungsperiode abgeschlossen. Der Turm stand zwar nicht lotrecht, war aber gesichert. Erst im Zuge des Ausbaus mit Beton und des Mauerns der Klinkerwände senkte sich der Turm durch das zunehmende Gewicht so weit ab, dass er nun gerade stand. Gegen Ende der letzten Absenkungsperiode wurden noch einmal 1400 Kubikmeter Meeresboden aus dem Gründungsrohr geholt, und die Sohle des Turms stand endlich auf der projektierten Tiefe von 21,25 Metern unter Seekartennull (SKN).

Im Frühjahr 1941 wurden die Arbeiten fortgeführt. Die Bauarbeiter mussten täglich mit Barkassen von der Strandinsel Minsener Oog übergesetzt werden, wo Unterkunftsbaracken standen. Als der folgende Winter 1941/42 die Handwerker von ihrer einsamen Baustelle verjagte, waren 2700 Kubikmeter Beton verarbeitet und 420 Kubikmeter Klinkermauerwerk erstellt. 7800 Kubikmeter Buschwerk und 8600 Tonnen Schüttsteine sicherten den Baugrund.

1942 erfolgte dann die Installation der technischen Einrichtungen. Dazu kamen vier Dieselaggregate, Akkumulatoren, Bodenlampen und Glühfadenlampen für die Befeuerung des Turms auf die Baustelle. Weihnachten 1942 schickte der neue  Leuchtturm Mellumplate dann erstmals sein Licht auf die Nordsee hinaus. Der Bau hatte 2,1 Millionen Reichsmark gekostet.

1968 wurde das Klinkermauerwerk vor weiterer Durchnässung mit Aluminiumprofilen geschützt und mit einer Hubschrauberplattform ausgestattet. 1973 musterten die letzten Leuchtturmwärter auf der Mellumplate ab; seither wird das Feuer von der Verkehrszentrale in Wilhelmshaven fernüberwacht. Das Hauptfeuer mit 1600 Watt trägt auf einer Feuerhöhe von 29,1 Meter über NN fast 24 sm weit.

An die Mühen des Turmbaues während des 2. Weltkrieges erinnert sich heute kaum noch jemand. Aber Karl Tillessen, der als junger Student vom Bau eines Leuchtturms geträumt hatte und diesen Traum schon als 32-Jähriger verwirklichen konnte, wirkte noch lange im Jeverland. So stammt von seinem Zeichenbrett auch der Tillessen-Plan, in dessen Folge das Wangersiel mit seinem Hafen entstand. Angesichts der vielen, während des Baus zu überwindenden Hindernisse hat Tillessen selbst den Leuchtturm Mellumplate als „das achte Weltwunder“ bezeichnet.

Position:

53 Grad 46,303'

N

008 Grad 05,551' E

 

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