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„Bestmögliches Ergebnis für die Flotte“
07.01.2018
Parteien einigen sich auf Kompromiss über Sicherheitsverordnung für deutsche Traditionsschiffe – Abstimmung mit Küstenländern steht noch aus – Vielschichtige Reaktionen aus Bremen

Gute Aussichten: Auch für den Weserkahn „Franzius“ gibt es Licht am Horizont. Ursprüglich geplante strikte Auflagen für die Traditionsschiffahrt wird es in dieser Form wohl nicht mehr geben. (Foto: Kölling)

Die neue Sicherheitsverordnung für deutsche Traditionsschiffe ist in drei Verhandlungsrunden im Berliner Verkehrsministerium noch einmal komplett neu aufgerollt worden. Mit den ausgehandelten Kompromissen habe man das bestmögliche Ergebnis für die ganze Flotte erzielt und schaffe gleichzeitig die geforderten höheren Sicherheitsstandards, kommentierte Jan-Matthias Westermann als Vorsitzender des Dachverbandes der deutschen Traditionsschiffe (GSHW) das Ergebnis.

Bundesminister Christian Schmidt (CSU), kommissarischer Chef im Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur, sagte nach der Lösung der letzten strittigen Fragen: „Wir wollen die Traditionsschifffahrt in Deutschland langfristig erhalten und sie fit für die Zukunft machen. Gemeinsam haben wir mit den Vereinen und Verbänden Lösungen entwickelt, wie die historischen Schiffe sicher für Besatzung und Passagiere bleiben.“ Von GSHW-Chef Jan-Matthias Westermann wurde in dem Zusammenhang besonders der Klimawechsel in den letzten drei Verhandlungsrunden gelobt: „Es hat heute geklappt, weil sich wirklich gute Spielregeln eingebürgert hatten und es kein ‚von oben herunter‘ wie in der Vergangenheit mehr gegeben hat.“

Am 14. Dezember ging es in einer sechseinhalb stündigen Sitzung vor allem noch um die als kritisch angesehenen neuen Auflagen für die Mannschaften der historischen Schiffe. Nur noch ein Mannschaftskern muss sich jetzt einer Seediensttauglichkeitsuntersuchung unterziehen – die entsprechenden Papiere hat die Stammcrew nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren vorzulegen. Jan-Matthias Westermann hat sich von den Verhandlungsführern des Ministeriums und der Dienststelle Schiffssicherheit bei der Berufsgenossenschaft See überzeugen lassen, dass man damit keineswegs aktive ehrenamtliche Senioren ausschließen wird: „Bisher liegt die Durchfallquote bei den über 60-Jährigen bei zwei Prozent. Und die wurden wegen schwerer gesundheitlicher Probleme wie Epilepsie und ähnlichem ausgeschlossen.“ Nach einer halben Stunde sei man da durch. Und 80 Euro für die Untersuchung bei einem der sechzig dafür zugelassenen Ärzte bundesweit sei Menschen auch im Ehrenamt zuzumuten, findet Westermann, der selbst auf dem Hamburger Zweimaster „SmH Freddy“ unterwegs ist.

Noch ein Streitpunkt endete mit einem Kompromiss: Die Ausbildung von Mannschaftsmitgliedern zu medizinischen Helfern soll nun Westermanns GSHW selbst in die Hand nehmen. Die entsprechende Schule für Bordmedizin soll mit Unterstützung der Behörden binnen fünf Jahren aufgebaut werden. Die Schulungen der Helfer will man dann ganz praxisbezogen an Bord stattfinden lassen. Die Zertifizierung der Ausbildung bezahlt Berlin. Geld will der Bund auch für die nötigen Sicherheitsumbauten in die Hand nehmen. Jan-Matthias Westermann hat sich von Norbert Brackmann, dem Obmann der Unionsfraktion im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, bei einem persönlichen Treffen noch einmal bestätigen lassen, dass momentan zwanzig Millionen Euro für die kommenden vier Jahre für die Traditionsschiffsflotte eingeplant sind.

Unsinnige Forderungen der Behörden habe man am Verhandlungstisch auch gänzlich kippen können, sagt Westermann und spricht den Passus an, nach dem Einbauten auf Schiffen ausschließlich aus feuerfestem Material hätten bestehen müssen. Auch muss kein Schiff mehr tonnenschweres Ankergeschirr mit sich führen, um wie ein Containerriese auch in großer Wassertiefe ankern zu können. Westermann: „Auch den Unsinn, auf Holzschiffen Metallschotten einziehen zu müssen, konnten wir abwenden. Da geht es jetzt um die Konstruktionstreue: Hatte ein Schiff ursprünglich einmal aus Gründen der Festigkeit und Sicherheit irgendwo ein Schott, so ist dieses jetzt wieder einzubauen.“

Grundsätzlich gelte ab sofort ein Bestandsschutz für die Flotte: Sei ein Schiff jetzt als Traditionsschiff klassifiziert, behalte es seinen Status und müsse seinen historischen Wert nicht alle paar Jahre erneut aufwändig nachweisen. Neu entstehende Repliken historischer Schiffe würden demnach nicht mehr unter diese Regelungen fallen, sondern müssten nach ganz anderen Sicherheitskriterien gebaut werden. Die große Verhandlungsrunde in Berlin mit der GSHW, der Stiftung Hamburg Maritim, dem Museumshafen Ovelgönne und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Museumshäfen wird schrumpfen und sich in Form einer Arbeitsgemeinschaft vier Mal im Jahr treffen. Westermann: „Da kommen dann alle kritischen Fragen auf den Tisch, die vielleicht noch bei der Umsetzung der Verordnung entstehen.“

Ganz unterschriftsreif ist die komplett neu getextete Verordnung aber auch nach dieser Einigung noch nicht. Diesmal will man es im BMVI besser machen als bei den ersten Entwürfen und alles auch noch einmal mit den Küstenländern abstimmen. Diese Runde wird voraussichtlich im Januar stattfinden, hieß es aus dem Ministerium. Sollte aus den Reihen der Traditionsschiffsvereine aber nicht neuerlicher Protest laut werden, dürfte die neue Verordnung so wie im Dezember ausgehandelt im Frühjahr in Kraft treten.

Die Reaktionen auf die neu ausgehandelte Sicherheitsrichtlinie für Traditionsschiffe reichen in Vegesack von verhaltenem Jubel bis Abwarten. Viele wollen den Text erst einmal in Ruhe auswerten, sobald er veröffentlicht ist. Auf den Schiffen im Museumshafen ist man vorsichtig, was die Auswirkungen der neuen Sicherheitsrichtlinie für die Schiffe mit Fahrgästen angeht. Das sind hier der Weserkahn „Franzius“, das Kirchenschiff „Verandering“ und die „BV II Vegesack“.

„Ich glaube es jetzt fast noch nicht ganz, dass wirklich alle strittigen Punkte entschärft werden konnten. Aber das wäre schon schön, zumal, wenn es am Ende einen Topf für die nötigen Umbauten gibt“, sagt Thomas Hinzen, erster Vorsitzender des Bremer Weserkahns „Franzius“ e.V.. Der Berufsnautiker ist für sein Schiff relativ entspannt, weil die „Franzius“ noch für dreieinhalb Jahre alle Papiere hat und jetzt ohnehin von einer Fünf-Jahres-Frist bis zum Inkrafttreten wichtiger Teile der neuen Regelung die Rede ist. Im Detail muss aber auch Hinzen genau schauen, was das neue Regelwerk für den mit Klüver fast dreißig Meter langen Zweimaster bedeutet: „Wir müssen im kommenden Jahr drei neue Rettungsinseln für zusammen 36 Menschen anschaffen. Müssen die Solas-zugelassen sein oder nicht, und gibt es Geld dazu? Das sind so meine Fragen.“ Eine 15.000-Euro-Anschaffung sei für einen kleinen Verein viel Geld, da dürfe man keine Fehler machen, bis man genau das Regelwerk kenne, so Hinzen.

Thomas Hinzen hat auch über Jahre zur „Küchentisch-Reederei“ hinter dem Vegesacker Jugendschoner „Esprit“ gehört. Er  weiß, was für eine Arbeit behördliche Hürden den gemeinnützigen Bootsprojekten machen können: Die „Esprit“ ist vor einigen Jahren aus dem Traditionsschiffsregister hinausbefördert worden. Hinzen musste lange verhandeln, bevor dem Bremer Vorzeigeschiff gestattet wurde, als Sportausbildungsfahrzeug weiterhin alle 16 Kojen nutzen zu dürfen. Hinzen: „Ich bin da jetzt älter und auch ein bisschen leidenschaftsloser: Kommen behördliche Hürden, muss man reagieren, flaggt aus, sucht sich einen anderen Hafen oder verkauft das Schiff eben im letzten Schritt.“ In Vegesack nennt er da das Gezerre um eine neue Hafenordnung als so eine ganz praktische Hürde: „Will man uns hier verbieten, die Decks zu waschen, dann muss ich da mit dem Holzschiff weg, weil es mir sonst kaputtgeht.“ Seine Botschaft: Es gibt viele unnötige Erschwernisse, wenn man ehrenamtlich ein Schiff in Fahrt hält.

Das weiß auch Tham Körner, Kapitän und Geschäftsführer der Betreibergesellschaft hinter dem Segellogger „BV II Vegesack“ nur zu gut. Ehrenamtliche werden da an allen Ecken und Enden gebraucht. Auf eine Seetauglichkeitsuntersuchung haben viele in seiner 45-köpfigen Stammcrew aber keine Lust. Körner: „Da haben mir manche schon klar gesagt: Ich komm nächstes Jahr nicht, wenn ich eine Gesundheitskarte vorzeigen muss.“ Und die 80 Euro für den Gesundheitscheck alle zwei Jahre würden die meisten sich auch direkt von ihm wiederholen wollen. Immerhin werde man an der „Vegesack“ nach der Entschärfung der Richtlinie nun nichts mehr baulich verändern müssen. Tham Körner: „Schotten und Feuerschutz sind da. In Sachen Ausrüstung müssen wir noch einmal genau schauen.“

Rolf Noll hat als Vorsitzender des „Kutter- und Museumshaven Vegesack“-Vereins die Verhandlungen in Berlin eng begleitet. Noll  hat insgesamt den Eindruck, dass die meisten Kollegen in der Szene zufrieden mit den Einigungen sind. Nun könne man sicher auch bald Anträge auf Förderung aus dem Zwanzig-Millionen-Euro-Topf stellen – dort, wo Umbauten notwendig seien. Noll findet, dass die Schiffe nun Planungssicherheit bekommen haben. Er rät, sich nach der Bestandssicherung der Traditionsschiffsflotte dem nächsten drängenden Thema zuzuwenden. Viele Stammcrews seien überaltert: „Man muss Institutionen wie der STAG (Sail Training Association Germany) vielleicht auch Geld für die Förderung von Nachwuchs-Ausbildung zukommen lassen. Und unsere Vereine wie der MTV Nautilus sollten dort beitreten. Es bietet sich doch an, auch Mitsegler einmal mit anderen Schiffen der Traditionsschiffsflotte auszutauschen, damit da wieder junges Blut hineinkommt.“  (Volker Kölling)

 

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