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Auf Sand gebaut
26.09.2017
Auf Harriersand entsteht ein neuer Strand – Schweres Gerät im Einsatz – Anlage soll vor Sturmfluten schützen

Wasserspiele: Die Raupe schiebt die Sandmassen an Ort und Stelle und ebnet sie anschließend ein. (Foto: Kölling)

Harriersand bekommt einen neuen Strand. Der Laderaum-Saugbagger „Isseldelta“ schürft binnen drei bis vier Wochen zwischen dem Schönebecker Sand vor Vegesack und Blexen Reede vor Bremerhaven 80.000 Kubikmeter Sand von der Sohle der Weser. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremen hat eine Arge rund um die Firma Hegemann Dredging mit dem Aufspülen des Sandes an der größten Weserinsel beauftragt, um Harriersand für Jahre vor Sturmfluten zu schützen.

Mit dem Elf-Uhr-Hochwasser nähert sich die fast einhundert Meter lange „Ijsseldelta“ ganz behutsam einem gelben Schwimmkörper, der vielleicht ein bisschen an einen im Wasser treibenden Riesenreifen erinnert. Zwei der acht Besatzungsmitglieder fischen nach den kleineren Mooringbojen direkt daneben und holen sich Leinen aus dem Wasser. Als die Decksleute die Winden anwerfen, erhebt sich langsam der Koppelkopf des Dükers aus der Weser – mit dem gelben Schwimmkörper praktisch um den Hals. „Den Anfang der Leitung dort am Schiff macht ein 36 Meter langer Gummischlauch, der dann in 100 Meter Stahlleitungen bis hier an Land übergeht,“ erläutert Brigitta Müller, Leiterin der Nassbaggerei beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Bremen (WSV) das, was man unter Wasser nicht sehen kann.

Die „Ijsseldelta“ liegt tief im Wasser und dürfte ihren Tiefgang von sechs Metern voll ausschöpfen, meint Peter Michallik, der für Hegemann als Bauleiter vor Ort ist: „Das Schiff kann in seinem Laderaum bis zu 2500 Kubikmeter Material unterbringen. Aber mit dem schweren Sand ist bei rund 2000 Kubikmetern Schluss.“ Nur 45 Minuten braucht die Crew des niederländischen Spezialschiffs, um sich an einer Baggerstelle den Bauch zu füllen. Das Schiff fährt dafür zu sogenannten Fehlstellen: Flussstellen, an denen die Solltiefe der Weser nicht mehr stimmt. Die 1000-Kilowatt-Pumpe braucht theoretisch auch genau so lange, um ein Gemisch aus Weserwasser und Sand wieder auf den Strand auszuspucken.

Der Koppelkopf hat erfolgreich angedockt am Bug der „Ijsseldelta“. Ein kurzes Gespräch über die Walkie-Talkies, und ein Prasseln ist aus der rostfarbenen Stahlleitung mit ihren fünfzig Zentimetern Durchmesser zu hören. Jetzt geht es richtig los mit der Strandaufspülung. Markus Schwarze hat mit seiner Raupe eine meterhohe Sandburg um das offene Ende der Leitung gleich neben dem Anleger der Inselfähre gebaut. In einem riesigen braunen Schwall schießt der Inhalt des Laderaums auf die Insel.

Schrott, alte Fahrräder oder Müll sind nicht dabei. Der goldbraune Sand ist sauber und setzt sich auch so schnell, dass der Strand nicht wie in anderen Revieren noch wochenlang wegen der Gefahr von Setzungen gesperrt werden muss. Jens Schmidt ist als Geschäftsführer von „Hegemann Dredging“ bei diesem Hochwasser auch auf Harriersand: „Müll, ganze Autos und Fahrräder auf dem Grund sind für uns eher bei Baggerarbeiten in Hafenbereichen ein Problem. Wenn wir im Fluss baggern, ist maximal etwas Holz oder ein Autoreifen dabei.“ Vor der Saugleitung befinde sich aber ein grobes Gitter, an dem sich das alles festsetze und dann eben entfernt und entsorgt werde.

Die Raupe tanzt um den Wasser-Sandstrahl, schiebt und glättet, während sich langsam ein kleiner Sandhügel aus dem braunen Wasser aufwölbt. Brigitta Müller: „Die eigentliche Kunst beim Strandaufspülen ist der perfekte Anschluss an das vorhandene Gelände. Wir haben hier keine Spundwand oder Fußsicherung, und trotzdem muss die Welle nachher wieder sauber den Strand hinauflaufen.“ Die Raupe versinkt mal wieder fast bis zur Oberkante ihrer Ketten im Wasser-Sand-Gemisch, aber alle bleiben ruhig. Man habe ähnlich schon Raupen in der Weser verloren, die dann einfach festgesteckt hätten. Müller: „Bis man mit Bergegerät da ist, stand die Raupe meist eine Tide im Wasser. Danach kann man die dann eigentlich nur noch entsorgen.“ Aber für diese Baustelle hat die Arge echte Spezialisten geordert. WSV-Bauaufsicht Jens Kostrzewa: „Die machen das ganze Jahr nichts anderes als Strände. Die sind sonst auf Sylt und anderen Inseln für den Küstenschutz unterwegs.“

Raupenfahrer Markus Schwarze hat direkt vor seinem Fenster eine kleine GPS-Antenne. Damit wird ständig vermessen, wie hoch der Sand schon  aufgeschichtet ist. Brigitta Müller: „So sieht er genau, wann er bei der Sollhöhe von vier Meter zehn angekommen ist. Ziel ist es außerdem, den Strand in einem Gefälle von eins zu acht zu modellieren.“ Aber Schwarze und sein Kollege im Hydraulikbagger sind gerade nicht mehr zufrieden mit ihrer Baustelle: Das Spülrohr ist zu tief abgesackt, und doch zeigt die „Ijsseldelta“ damit, dass sie förmlich auf ihrer Nase liegt, dass noch gut 300 Kubikmeter Sand im Schiff sind. Pause, auch wenn das Schiff und all das Gerät schon pro Stunde richtig Geld kosten. Abgerechnet wird nach Kubikmetern, und so arbeiten die Leute hier selbst nachts unter Flutlicht. Zeit ist Geld, Stillstand schlecht für das Geschäft.

Aber es hilft nicht: Die Pumpen müssen stoppen, Schwarzes Kollege holt mit dem Baggergreifer das Spülrohr aus dem Boden und legt es neu ab. Ein neues Zwölf-Meter-Rohr muss her, Schwarze bolzt es mit einer Dichtung von Hand an. Dann erst kann es mit dem Strandbau weitergehen. Aus dem Expertenkreis kommt Anerkennung: Das Team hat gesehen, dass zu viel Sand in Richtung Weser gelaufen ist und die Rohrverlängerung nötig war. Bauleiter Michallik: „Das hat zwar jetzt Zeit gekostet, war aber genau richtig: Wenn man richtig spült, muss man weniger schieben und verbraucht Mengen von Diesel weniger.“ Und seine Chefin Brigitta Müller fügt noch hinzu: „Da konnte man jetzt aber auch gut sehen, warum wir nur rund um das Hochwasser spülen können: Wir brauchen den Gegendruck der Weser. Bei Niedrigwasser würde das ganze Material einfach wieder in den Fluss zurücklaufen.“

Die Raupe rollt auf ihren Ketten wieder ein paar Meter auf eine malerische Bucht zu, die in den nächsten Tagen verschwinden wird. An solchen Einbuchtungen wird tatsächlich die Insel von den Weserfluten ausgespült. Eine Sturmflut, und die Landzunge wäre weg – und die Bäume darauf nur noch gefährliches Treibholz. Die Strandaufspülung dient der Ufersicherung zwischen Flusskilometer 40,25 und 41,5 – genau vor der Strandhalle von Harriersand. Dessen Wirtin Brigitte Neudecker hat beobachtet, dass die spektakuläre Baustelle sogar Extragäste auf die Insel gelockt hat. Allerdings müssen die während der Arbeiten in deutlichem Sicherheitsabstand bleiben. So ein Spülfeld zu betreten, bringt Menschen in Lebensgefahr. Badegäste tröstet die Gastronomin, dass Harriersand  nach der Bauphase ja wieder einen viel schöneren Strand hat: „Und spätestens mit der nächsten Sturmflut werden wir hier auf der Insel heilfroh sein, dass das gemacht worden ist.“  (Volker Kölling)

 

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