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Sportliche Dame im besten Alter
31.07.2017
Mit stolzen 79 Jahren war der in Bremen gebaute ehemalige America’s Cupper „Anita“ der Star auf der Max-Oertz-Regatta – Nach Umbau und mit junger Crew auf Platz zwei

Hart am Wind: Bei der Max-Oertz-Regatta holte sich die „Anita“ Platz zwei. (Foto: Kölling)

Blau, Braun und Weiß - Wasser, Holz und Segel. Auf der Max-Oertz-Regatta im holsteinischen Neustadt sind über Himmelfahrt über 60 klassische Segelboote Rennen gesegelt. Star der Veranstaltung war die „Anita“. Die Weserwerft Abeking & Rasmussen hat sie 1938 für den America‘s Cup gebaut. Bis heute ist sie eines der spektakulärsten Boote der Werft. Nach Jahren unter zwei Masten ist sie umgebaut wieder als Einmaster unterwegs – ein Segelgebirge, das sich schon bei vier Windstärken voll auf die Seite legt. 

Die wie eine schwarze Perle glänzende „Flica II“ ist der zweite sogenannte Zwölfer auf der Max-Oertz-Regatta und damit naturgemäß die schärfste Konkurrentin der „Anita“. Eine Stunde, bevor es am Sonnabend um eins über die Startlinie geht, sind die beiden mehr als 23 Meter langen hölzernen Rennboote  schon in der Bucht unterwegs. Den Tag zuvor ist die „Anita“ als einziger „Zwölfer“ in der Gruppe eins angetreten und hat das Feld souverän dominiert. Aber der Sieg nach gesegelter und berechneter Zeit am Freitag ist ein Muster ohne Wert ohne die echte Kontrahentin, findet „Anita“-Skipper Fabian Kuhl: „Nach dem Tag heute wissen wir erst wirklich, wo wir mit der ‚Anita‘ stehen. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass der Umbau ein bis zwei Knoten mehr Speed möglich macht. Den Rest muss die Mannschaft schaffen.“

Die Crews machen sich abseits der Bahn warm für die Manöver. Jeder Handgriff muss sitzen. Die Jungs von der Vorschiffscrew sind schon ganz hibbelig. Julian Reinke ist mit seinen 18 Jahren schon einige Regatten auf Jollen gefahren und hat auch Erfahrung im Umgang mit großen Schiffen wie dem Jugendsegler „Esprit“: „Aber mit solchen Tuchgrößen wie hier zu arbeiten, bedeutet natürlich schon spannende und einmalige Einblicke.“ Alle tragen Segelhandschuhe, einige Knieschützer. Auf einem Zwölfer arbeitet man vorne praktisch immer hockend im Vollkontakt mit dem Teakdeck. Die „Anita“ hat noch einen Seezaun. Die Kollegen von der „Flicka II“ da drüben müssen ohne auf der spitzen Nase ihres Sportgerätes balancieren. Noch ein paar Minuten. Annäherungen an die Startlinie.

Ein paar Meilen vom Neustädter Hafen entfernt haben die Veranstalter den Dreieckskurs ausgelegt. Gerade die Zwölfer sollen sich mit ihren fast drei Metern Tiefgang schön weit weg von den Flachs aussegeln können. Die Spinnaker der Riesenschiffe öffnen mit sattem Ploppen ihre mehr als 260 Quadratmeter Tuch. Noch ein paar Ups and Downs, und die Startgarderobe wird angelegt, und schon liegen die alten Schönheiten auf der Backe, und das Wasser gurgelt um die Rümpfe. „Anita“-Skipper Fabian Kuhl plottet nach dem Startsignal mit: 22 Sekunden nachdem es erlaubt ist, geht die „Anita“ über die Startlinie: „Das geht kaum besser. Die Mannschaft arbeitet super“, lobt er seine Jugendcrew.

Sieben Bremer hat Kuhl in seiner Crew und insgesamt vier junge Frauen: „Wir sind alle schon gemeinsam auf dem Bremer Jugendsegler ‚Esprit‘ unterwegs gewesen. Ich habe sie nur gefragt, ob sie nicht einmal ein anderes Schiff ausprobieren wollen - einen Zwölfer.“ Für die Antwort brauchte niemand Bedenkzeit: Einen der legendären alten Zwölfer segeln zu dürfen, ist für Segler eine besondere Sache – wie für einen Autonarr die erste Fahrt in einem Ferrari. Nur ist die Zwölfer-Rauschefahrt wesentlich exklusiver und fühlt sich bei nur elf Knoten Fahrt rasanter an als 220 Stundenkilometer auf der Straße. Es gibt auch nicht so viele Zwölfer wie Ferraris: Etwas mehr als die Hälfte der ursprünglich nach dieser Formel gebauten Schiffe würden aber noch gesegelt, weiß Lino Liebegott, Stammcrewmitglied der „Anita“.

Was sofort auffällt: Die Schräglage ist deutlich steiler als auf modernen Rissen mit breiten Hecks gewöhnt. Da, wo jeweils unten ist, gischtet die Ostsee über das Boot. Fabian Kuhl lacht: „Wenn der Rudergänger am Wind den Seezaun und das Deck wäscht, dann hat er bei diesen Booten alles richtig gemacht.“ Dabei sind die Segelgebirge grundsätzlich eigentlich übertakelt. „Anita“ liegt schon bei vollen vier Windstärken und dicht geschoteten Segeln voll auf der Backe. Der Regatta-Namensgeber Max Oertz hatte es als Konstrukteur der „Meteor“-Kaiseryachten und der „Germania“ für Krupp schon kurz nach 1900 vorgemacht: Man baute nach den Wettfahrtformeln seiner Zeit Boote mit weiten Überhängen vorne und hinten. Kuhl erklärt das so: „Die eigentliche Wasserlinie dieser Zwölfer durfte nur 16 Meter betragen. Aber sobald sie sich zur Seite neigen, gewinnt das Schiff praktisch an Länge und nimmt immer mehr Fahrt auf.“ Länge läuft, heißt die einfache Grundformel für das Bootebauen bis heute. Was durch diese Vermessungsformeln damals aber an Booten herausgekommen ist, wird noch heute weltweit auf Regatten bewundert. Auch in Neustadt ist das Wasser voller Zuschauerboote.

Noch ein paar Zwölfer mehr, das wäre jetzt ein Traum. Das neue Rigg der „Anita“ ist das alte der „Thea“, eines anderen Zwölfers, erzählt Fabian Kuhl: „Bei denen war der Mast immer zu lang, und die bekommen nun bei Robbe und Berking einen neuen Mast. Uns haben sie ihren alten überlassen.“ Die Eignergemeinschaft hinter der „Anita“ ist schließlich eine gemeinnützige GmbH. Fabian Kuhl: „So ein Schiff zu erhalten, verbraucht pro Jahr locker mal 40.000 bis 50.000 Euro, ohne dass man schon ein neues Segel gekauft  hätte.“ Ein bisschen neidisch schauen sie da schon rüber zu den Konkurrenten der „Flicka II“, bei denen Geld etwas ist, über das man nicht groß reden muss. Trotzdem hat auch die „Seglervereinigung Rheingau“ hinter der „Anita“ den großen Umbau gestemmt bekommen und den „Thea“-Mast noch etwas verlängern lassen. Ergebnis? Fabian Kuhl kann das Ruder schon auch loslassen. Mit der riesigen überlappenden Genua vorne und dem Bergsteigergroß ist der Zwölfer perfekt getrimmt und kratzt ohne große Anstrengung immer wieder an der Acht-Knoten-Marke auf der Logge.

Aber zurück zum Rennen. Das hier ist schließlich kein Kaffeeplausch: Die schneeweiße „Anita“ rundet auf dem Dreieckskurs die ersten drei Tonnen praktisch noch zeitgleich vor der „Flica II“. Die hat sogar Profisegler an Bord. Es bleibt ein kurzes Hochgefühl. Auf der über 80 Jahre alten „Flica II“ ragen moderne Foliensegel in den Himmel, der Spinnaker hat keinen Flicken. Das Schiff wiegt gut vier Tonnen weniger als die „Anita“, und dieses Setup in Summe sorgt auf dem schwarzen Renner immer wieder für einen Speed weit jenseits der zehn Knoten auf der Digitalanzeige auf dem Brückenhaus. Stück für Stück segelt sie der „Anita“ auf dem zweiten Dreieck davon. Tuten, Abklatschen an Bord der „Flica II“ und noch einmal eine Bahn Richtung Travemünde, weil es gerade so viel Spaß macht.

Nach zweieinhalb Stunden Regatta sind sie auf dem Weser-Zwölfer schon ziemlich neidisch auf das  bessere Material der Kollegen, obwohl auch auf der „Anita“ inzwischen eine ganze Menge an Dyneema-Leinen und Hochleistungsbeschlägen zu finden ist. Es wird  gefrozelt. Lino meint: „Alles nagelneu, und die Crewmitglieder alle im gleichen Outfit vom Hemd bis zur Hose. Die haben bestimmt auch noch Flica-Unterwäsche an.“ Seglerschnack. Auf der „Anita“ fährt heute keiner ohne den Schiffsnamen und das stolze „Zwölf“ auf dem weißen Hemd mit.

Aber ganz ohne Konkurrenzdenken und Ehrgeiz gehen eben auch diese Klassikerregatten nicht über die Bühne. Das weiß Regatta-Organisator Dieter Koch nur zu gut, der sich am Freitag noch zu den Details der Wettkampfregeln belehren lassen musste: „Aber im Vergleich zu anderen Klassikerregatten zeichnet uns hier in Neustadt das eher hemdsärmelige aus: Spätestens am Freitagabend beim Spargelessen oder bei der Party am Sonnabend ist der Dampf raus und man feiert zusammen.“ Woher diese Faszination für alte Schiffe bei Zuschauern, Besitzern und Crews kommt? Dieter Koch muss nicht lange überlegen und spricht vom ersten Blick auf eine schöne Frau: „Da weißt Du auch beim ersten Anblick: Das würde passen und schwärmst von ihren Formen. Und dann musst Du sparen und warten und dran arbeiten, dass ihr zusammen kommt.“ Dass mit der Liebe zu Schiffen kann ziemlich weit gehen.

Noch bei Sonnenuntergang stehen Trauben von Menschen am Kai über den Booten und tauschen sich über jedes einzelne aus. Jedes einzelne dieser Holzboote könnte bücherweise Geschichten erzählen. Die Männer und Frauen von den Zwölfern dagegen sind im Hier und Jetzt. Fabian Kuhl von der „Anita“ und „Flica II“-Skipper Robin Delves kommen beim gemeinsamen Bier zu interessanten Verhandlungen: Das eine oder andere der alten Großsegel der „Flica II“ könnte man doch der „Anita“ vererben, findet Kuhl. Der Brite Delves ist einverstanden und lacht. Sie haben gerade das Rigg noch einmal verbessert und keine Verwendung mehr für die alte Garderobe: „Es macht ja keinen Spaß, alleine immer vorneweg zu segeln. Und die ‚Anita‘ war heute immerhin ganz nah dran, uns ein wenig zu motivieren.“ In den nächsten Stunden wird das Bier nur weggestellt, um mit beiden Händen noch einmal in der Luft nachzuzeichnen, welche Kurse die Boote gegeneinander wie gefahren sind und wo die kleinen und großen Fehler lagen - beim Duell der America’s Cupper in der Neustädter Bucht. (Volker Kölling)

 

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