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Maritime Mobilien, Mastbruch und Matjesschluck
19.07.2017
Der Verein Maritime Tradition Vegesack Nautilus blickt zurück auf 30 Jahre äußerst bewegte Geschichte

Es war einmal: Genug Gesprächsstoff aus 30 Jahren MTV gibt es allemal anlässlich des Jubiläumstreffens im Nautilushaus. (Foto: Kölling)

 Dem Verein Maritime Tradition Vegesack Nautilus hat Vegesack eine Rückbesinnung auf seinen Kern als kleine maritime Stadt mit Europas erstem künstlichem Hafen zu verdanken. Eine Flotte geretteter Traditionsschiffe trägt den Stander des Vereins: an Land der Schlepper „Regina“, im Wasser die BV II „Vegesack“ und die Barkasse „Vegebüdel“. Und der Jugendwanderkutter „Vegefeuer“ wurde sogar neu gebaut. Die Geschichte des MTV ist genau 30 Jahre alt.

Kneipier und Kaufmann, Fregattenbauer und Journalist. Als am 3. Mai 1987 beim Gründungstreffen des MTV Nautilus sogar noch Frauen in einem Verein zur Bewahrung der maritimen Traditionen in Vegesack mitmachen wollen, ist das manchem zu viel des Guten. „Ich fand das nicht gut. Und das habe ich dann auch noch laut gesagt. Fortan hatte ich bei den Frauensleuten im Verein nur noch Pech“, lacht Helmut „Flocke“ Behling kopfschüttelnd in die Runde: „Das war natürlich ein Fehler.“ Beim Klönschnack zum Jubiläum sitzen die Streiterinnen und Streiter von einst friedlich in der Runde ihres supermodernen Nautilushauses und machen sich bald – vielleicht auch in Ermangelung von Spiegeln – über die Falten im Gesicht des Nebenmannes lustig. 

„Allenfalls an unseren Gesichtern in der Runde ahnt man, dass wirklich schon dreißig Jahre seit der Gründungsversammlung vergangen sind“, schmunzelt Moderator Gerald Sammet. Für seinen Sonnenhut und die pralle Gesichtsverfärbung ins Violette hat er sich von Dieter Meier-Richartz im typischen Vereinsjargon anfrotzeln lassen müssen. „Nix da Mallorca-Käppi, wehrt sich der Mützenträger. Sammet belegt erst einmal, dass es sich um eine Kopfbedeckung handelt, die auf dem letzten königlich-britischen Postlinienschiff nach St. Helena mitten auf dem atlantischen Ozean getragen wird. Und Sammet wird nachdenklich: „Ohne den Kontakt zu diesem Verein und seinen Mitgliedern hätte ich vielleicht nie den Weg zur See und zum Maritimen gefunden - und auch nie eine solche unvergessliche Reise wie die nach St. Helena unternommen.“

Jeder in der Runde hat so seine Geschichten mit dem MTV erlebt und will sie an diesem Abend erzählen. Norbert Lange-Kroning erinnert sich noch an einen ersten Gründungsversuch, zu dem nicht genügend Mitglieder zusammen gekommen sind. Dann wird die Pressearbeit verbessert und mit  entsprechenden Ankündigungen von Weser-Kurier-Redakteur Hans-Hermann Boeken in der Norddeutschen und Wolfgang Kiesel im BLV kommen dann auch tatsächlich 57 Menschen in die Gaststätte Paulaner. Gerald Sammet gibt den Stab weiter: „Dieter, an Dir haftet doch so der Hauch unseres Gründungsmythos‘. Du hast jetzt das uneingeschränkte Rederecht.“

Und Dieter Meyer-Richartz geht auf Zeitreise: Er erinnert sich an ein Vegesack, in dem es bei seiner Rückkehr nach Jahren der Seefahrt plötzlich keine Fassmacher, keine Blockfabrik, keine Fischerei und keine Tauwerksfabrik in Grohn mehr gibt – und das alles auch noch in Vergessenheit zu geraten droht. Er sieht die tolle Promenade, die Signalstation und hat die Idee zur Schaffung der „Maritimen Meile“. Er redet mit dem damaligen Ortsamtsleiter Heinz Behrens. Von der Rettung des Dampfers „Wal“ ist bald die Rede, aber Dieter Meier-Richartz will keinen Dampfer. Als er in Vegesack seine Kneipe „Nautilus“ in der Breiten Straße aufmacht, hat er Unmengen von maritimem Nippes gesammelt - aber eben noch kein Schiff und keine Signalstation. Dafür holt er noch vor der Vereinsgründung das Ruderhaus eines Binnenschiffes von Dieter Töllers Firma Carl Gluud ab: „Dafür musste ich ihn und seine Jungs nur auf einmal Labskaus und Bier zu mir in die Kneipe einladen. Das Ruderhaus hat uns seitdem überallhin begleitet, wo wir etwas gemacht haben: Auf das Schleusenfest in Lemmer, wo wir mit drei gecharterten Schiffen waren. Auf unseren Stand auf der Messe Boatfit, bis jetzt zu den Matjestagen in Emden.“

Während es Meier-Richartz nach eigenen Worten anfangs in erster Linie um die Bewahrung maritimer Tradition geht, gibt es im MTV eine starke Fraktion auch mit einigen Damen, die „Schiffe shoppen“ gehen will. Unternehmer Norbert Lange-Kroning ist dann schon ganz früh immer der kühle Kopf, der bei jedem wilden Plan auch die kaufmännische Machbarkeit im Auge behält – und dafür auch so manchen Strauß auszufechten hat, ohne dafür jemals erster Vorsitzender zu sein. Aktionen wie die Gestaltung eines Herbstfestes am 3. Oktober 1987 auf dem kleinen Markt bringen nur kleines Geld ein. Dieter Meier-Richartz schaut im Vereinslokal „Nautilus“ besorgt auf die Kontostände: „Wir hatten selten mehr als 500 Mark in der Vereinskasse; und nun wollten wir ein Schiff kaufen; ohne zu wissen wovon.“

Norbert Lange-Kroning hat einen Plan und noch genau jeden einzelnen Schritt auf dem Weg zur Inbesitznahme der „Nostra“ aus Hamburg in Erinnerung: „Wir haben einen Arbeitskreis Schiffskauf gegründet – nicht rechenschaftspflichtig gegenüber dem Vorstand übrigens. Ich habe damals die Eignerin in Hamburg überzeugt, uns die ‚Nostra‘ für 5000 Mark für zwei Wochen herzubringen.“ Wenn die örtliche Wirtschaft, die Bevölkerung  und die Politik begreifen, dass hinter der ‚Nostra‘ das erste überhaupt auf dem Bremer Vulkan gebaute Schiff steckt, werden die Spendengelder nur so fließen, lautet sein Kalkül. Norbert Lange-Kroning: „Wir haben sie alle auf das Schiff geholt – alle; die Geld oder etwas zu sagen hatten. Es gab eine Unzahl Einzelgespräche, und alle waren total begeistert von dem Schiff.“

Bremens Innensenator Bernd Meier sichert dem Verein praktisch beim Ausscheiden aus dem Amt noch einen Zuschuss von 140.000 Mark durch die Stiftung „Wohnliche Stadt“ zu. Die Bremer bekommen eine Kaufoption und können weiter Geld sammeln. Lange-Kroning einigt sich mit Becks über das Sponsoring  tönerner Bierkrüge. Er freut sich noch heute diebisch über die Überraschung bei Becks, als die fleißigen Vereinsmitglieder binnen anderthalb Jahren 25.600 Bierkrüge verkauft haben: „Das waren noch einmal 256.000 DM. Da konnten wir dann das Schiff kaufen, weil wir wussten, wir kriegen den Kaufpreis von 600.000 Mark zusammen.“ Es fehlt aber noch Geld, das eingefahren werden muss.

Dicke blaue Ordner machen auf dem riesigen Tisch im Nautilushaus die Runde. Rolf Kronshage hat die Fahrten der BV II „Vegesack“ dokumentiert: Die schmucke Gaffelketsch aus genietetem Stahl neben der Gorch Fock auf der Sail Bremerhaven 1995. Immer wieder tauchen Berichte und Fotos von der Kieler Woche auf. Karin Kronshage erinnert sich mit Schaudern an die erste Kieler Woche 1990: „Wir waren da immer voll gebucht, und ich war die einzige Frau an Bord für das Catering. Es war so viel zu tun, dass ich unter Deck manchmal schon mittags einfach nur noch dastand und losheulen musste.“ Sie bekommt in den folgenden Jahren Verstärkung.

Und spätestens gegen Mitternacht, wenn die dritte Ladung Gäste von Bord ist, hat die BV-II-Crew dann auch Zeit, sich eigenen Ritualen hinzugeben. Rolf Kronshage: „Über die Jahre wurde unsere milde Bowle zur Legende: Jeder, der an Bord kam, brachte eine Flasche Schnaps mit an Bord. Die kam zu den anderen in einen riesigen Kübel mit einer Dose gemischtem Obstsalat. Hat immer wieder anders geschmeckt - aber nie schlecht.“ Von Musikanten an Bord gelockt, gingen manchmal hunderte Menschen an einem Tag über das Schiff, das gerade wieder einmal ausgebucht die Kieler Woche fährt. Karin Kronshage: „So ist es bis heute geblieben: Wir brauchen die Wochen dort, auf der Hansesail in Rostock und durch weitere Charter auch durch unsere Mitglieder für den Unterhalt des Schiffes.“

So fährt der Segellogger nach Frankreich, bis nach Helsinki in die Ostsee, er fährt die Hansestädte ab und über die schottischen Kanäle bis in die Irische See. Immer gibt es neue Ziele. Ein Zweimaster ist schließlich eine Mobilie, keine Wandtapete für den Hafen. Sicher ist der Zweimaster nur im Winterlager im Vegesacker Museumshaven zu bestaunen. Dass der Hafen heute so schmuck aussieht und Schwimmstege hat, ist nach der Lesart der MTV-Mitglieder auch ihrem Engagement und Anstoß zu einem neuen Hafenkonzept zu verdanken. Zu den schönen Schiffen kam man vorher nicht ohne Dreck an den Händen – von den verrosteten Hafenleitern in der Kaje. Dieter Meier-Richartz: „Wobei man natürlich der Fairness halber sagen muss, dass es immer auch die anderen Schiffe des Kuttervereins im Hafen gab, die mit ihren Besatzungen und Gästen die gleichen Probleme gehabt haben und sich auch beschwert haben.“

Ende 1993 kommt mit der Barkasse „Vegebüttel“ das nächste schwimmende Denkmal zum MTV. Mit der Firma Jacob Jürgensen erfindet Norbert Lange-Kroning nach dem Biercoup mit Becks und den Krügen auch noch den „Vegesacker Matjesschluck“: „Ein prima Bier hatten wir ja schon, aber wir wollten ein Gedeck mit einem guten Schnaps.“ Der klare Kräuterschnaps ist leicht süßlich unterwegs. „Das ist gut. Das mögen auch unsere Frauen“, befinden die Herren im Verein bei der ausgiebigen Verkostung.

1995 übernimmt der MTV endgültig die Signalstation und feiert den einhundertsten Geburtstag der BV II „Vegesack“ mit einem Fest in Kostümen aus alter Zeit. Karin Kronshage erinnert sich, wie streng hochgeschossen schwarzweiß gekleidet sie selbst plötzlich daherkam: „Aber das war nur original: Das trug man vor hundert Jahren so.“

Ein Jahr später – 1996 – schafft der Verein das Helgoländer Börteboot „Lesum“ an und lässt einhundert MTV-Armbanduhren ausgeben. Im Nautilushaus erfolgt der Uhrenvergleich. Die meisten halten bis heute. Ein Jahr danach feiert der MTV seinen zehnten Geburtstag im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus. 2000 ist das Jahr mit einem Loggertreffen von zehn Seglern als Höhepunkt. Ein Jahr später kommt das Projekt „Wietze“ ins Rollen. Es geht um einen kompletten Neuaufbau eines weiteren Heringsloggers auf der Beschäftigungswerft Bremer Bootsbau Vegesack. Am Ende verschwindet das Schiff in der Insolvenzmasse des BBV-Niedergangs und liegt immer noch als halbes Wrack auf dem alten Betriebsgelände.

Die kleinen Pleiten und Fehlschläge sind beim Klönschnack aber nicht das große Thema. Da hat in der Runde wohl jeder mal danebengelegen oder Mist gebaut: So wie Dieter Meier-Richartz seinerzeit mit dem Kauf eines maroden Kutters von der DLRG. Norbert Lange-Kroning will das Jahre später endlich klären: „Dieter, gib es endlich zu: Das war ein Fehlkauf.“ Und Meier-Richartz lenkt ein: „Ja, ja, ist ja richtig.“ Alterseinsichten! Und dann sind da die Kapitäne und ihre Patenthalsen, die auch mal einen Großbaum kosten konnten, wie 2001 auf dem Weg nach Stavanger. Oder erst der Besan-Mastbruch in der Nordsee im vergangenen Jahr. Dass die Mitglieder so gänzlich unterschiedlich unterwegs und ausgerichtet sind, hat sich da einmal mehr als Vorteil des MTV herausgestellt: Während die einen Mittel der Denkmalpflege einsammeln, packen die anderen mit an. Jetzt hat die BV II praktisch ein neues Rigg. Nach zwei Stunden Klönschnack im 2008 eingeweihten Nautilushaus sind noch lange nicht alle Geschichten aus den vergangenen 30 Jahren im MTV erzählt.

Und irgendwie fehlt den Vereinsmitgliedern auch etwas, bis Norbert Lange-Kroning auffällt, was es ist: „Wir sollten diese Runde mal an einer anderen Stelle fortsetzen: In Dieters altem Lokal ‚Nautilus‘, dass ja so lange praktisch unser Vereinsheim war. Da treffen wir uns im Herbst dann auf ein Bier.“ „Oder zwei!“, hallt es aus der Runde zurück. Und ein Schnaps soll auch dabei sein, meint ein Dritter: „Möglichst ein Vegesacker Matjesschluck.“ (Volker Kölling)

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